Kindesmissbrauch unter Kindern: Warum werden Minderjährige sexuell übergriffig?

Kinder missbrauchen immer häufiger Gleichaltrige
Die Sexualstraftaten unter Kindern nehmen zu © picture alliance / blickwinkel/M, McPHOTO

Täter oder Opfer?

Wenn Kinder Kinder missbrauchen… Frankreichs Eltern, Lehrer und Opferschutzorganisationen wagen sich zurzeit an ein Thema, das vielen undenkbar erscheint: Der sexuelle Missbrauch von Kindern durch Kinder. Laut einem Bericht der „Welt“ kommt es immer häufiger zu Sexualstraftaten unter Kindern. 12- bis 14-Jährige zwingen Gleichaltrige zu sexuellen Handlungen. Oder sie verkaufen ihren Körper an Gleichaltrige. Armelle Le Bigot Macaux, die Präsidentin des Vereins „Handeln gegen die Prostitution von Kindern“, schlägt Alarm: Die Prostitution habe Einzug in die Schulen erhalten und löse teilweise die Drogenproblematik vergangener Jahre ab.

Opfer? Täter? Allein die Begriffsbestimmung scheint schwierig. Handelt es sich tatsächlich um Prostitution? Oder nicht doch um Vergewaltigung, wenn Mädchen sich als „Liebesbeweis“ den Freunden des Freundes zur Verfügung stellen? Manche werden durch Erpressungen zu sexuellen Handlungen gezwungen. Manche, so hat es die „Welt“ recherchiert, handelten auch auf eigene Rechnung – Dumpingpreise aufgrund des Konkurrenzdruckes inbegriffen. Etwa 5.000 Fälle von „Prostitution“ im Schulmilieu wurden Macaux´ Verein von Schulen und Organisationen gemeldet. Täter und Opfer sind noch Kinder oder Heranwachsende.

In Deutschland hat sich für Kinder und Jugendliche, die sich an anderen Kindern vergehen, der Begriff „sexuell übergriffig“ etabliert. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindsmissbrauchs nennt für ihr Verhalten unterschiedliche Gründe: „Eigene (sexuelle) Gewalterfahrungen können, müssen aber nicht, eine Rolle spielen. Häufig handelt es sich um Jungen und Mädchen, die andere dominieren wollen und die sich mit der Einhaltung von Grenzen schwertun. Bei sehr jungen Kindern und bei manchen Kindern mit Behinderung oder Beeinträchtigung kann unter Umständen die fehlende Kontrolle von Impulsen die Ursache sein. In der Regel liegt sexuellen Übergriffen aber keine auffällige Sexualentwicklung, sondern ein problematisches Sozialverhalten zugrunde.“Auch diese Kinder brauchen – ebenso wie die Opfer – Hilfe.

Sex als technischer Akt

Doch in dem Bericht der „Welt“ geht es nicht nur um Missbrauch. Thema ist auch eine schleichende Verrohung der Sexualität. Ein Polizist wird zitiert mit dem Satz, dass Sex für viele Kinder und Jugendlichen zu einem rein technischen Akt geworden sei. Und es geht auch um Heranwachsende, die scheinbar selbstverständlich andere missbrauchen – oder sich selbst verkaufen. Ohne sich der Folgen bewusst zu sein.

In eine ähnliche Richtung geht das „Sexting“, bei dem meist Schülerinnen freizügige Fotos von sich selbst posten. Via Internet und Smartphones werden diese Bilder schnell weitergereicht. Ein „Trend“, vor dem inzwischen auch deutsche Pädagogen warnen.

Auch hier spielen manchmal erpresserische Momente eine Rolle: Ein naives Mädchen schickt ein intimes Foto von sich. Und dann kommen die Forderungen nach mehr Bildern in weniger Kleidung – „sonst zeig ich die Fotos allen“. Wichtig, so sagen Experten, sei es, betroffene Mädchen zu stärken – sowie Kindern generell ein gesichertes, schützendes Umfeld zu bieten und sie auch über digitale Gefahren zu informieren. Zu denen auch eine gewisse Sexualisierung der Umwelt gehört – in Bildern, die man imitiert oder auch in Liedtexten, die man aufgreift.

In Frankreich warnt man derzeit von einem Anstieg der sexuellen Strafhandlungen zwischen Kindern oder Heranwachsenden. Damit verbunden ist auch die Frage, wie man Sexualität wieder stärker als intimen Wert verankern kann: Nicht als gleichmütige, belanglose Sache, sondern als innige Annährung zweier Menschen.

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