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Kinderurlaub: Wenn Kinder wieder mal Ferien haben

Kinderurlaub: Wenn Kinder wieder mal Ferien haben
Gefühlt haben Kinder die Hälfte des Jahres frei. Ihre berufstätigen Eltern leider nicht. © dpa, Sebastian Kahnert

Hilfe, es sind wieder Ferien!

Bald ist es wieder soweit. Die Sommerferien stehen vor der Tür. Klingt nach Erdbeereis und Mückenstichen auf den Beinen, ist aber in Wirklichkeit etwas ganz anderes: Ein nervenaufreibender Organisationsaufwand, der mich jedes Mal wieder an meine Grenzen bringt. Dabei sind doch Ferien eigentlich etwas Wunderbares, oder?

Von Alexandra Diemair

Eigentlich sollte es die schönste Zeit im Jahr sein. Tagelang im Schwimmbad abhängen, Wassereis vom Büdchen, plantschen im See und endlose sonnenwarme Abende im Freien, die Beine von Mückenstichen zerkratzt - und ans Zubettgehen ist nicht zu denken. Soweit die romantisch verklärte Theorie. In Wahrheit ist die Sache allerdings eine andere: Sommer und Ferien bedeuten für viele Eltern, mich eingeschlossen, jedes Jahr aufs Neue, den Spagat zwischen Arbeit und Kinderbetreuung zu schaffen. Rund 63 Werktage Ferien haben deutsche Schüler im Schuljahr, Brückentage eingeschlossen. Hinzu kommen noch pädagogische Tage, Lehrerausflüge und sonstige Veranstaltungen der Schulen an denen die Schultore auf wundersame Art und Weise geschlossen bleiben. Der durchschnittliche Arbeitnehmer hat zwischen 25 und 28 Tagen Urlaub im Jahr – die Problemstellung sollte durch diese Tatsache eigentlich hinlänglich umrissen sein.

Höchststrafe Ferienbetreuung

Als meine Kinder noch in der Kita waren, stellte sich das Problem nicht wirklich. Es gab drei Wochen Schließungszeiten und dann war noch über Weihnachten und Neujahr geschlossen, ein überschaubarer Zeitrahmen, der mit organisatorischem Geschick und gemeinsam verbrachten Ferien gestaltet werden konnte. Doch mit Eintritt in die Schule begann für mich das Grauen. Immer wenn sich ein Ferientermin näherte, die bange Frage des Kindes "Mamaaa, muss ich in die Ferienbetreuung?". Gefolgt von Tränenausbrüchen und Wutanfällen. Ich kann es ihm nicht verdenken. Denn die Ferienbetreuung findet auch in der Schule statt. Statt Mückenstichen, Erdbeereis und Schwimmbad, organisierte Bastelangebote in den Klassenräumen und – wenn der Betreuungsschlüssel zulässt (also eher selten) – auch ab und an ein gemeinsamer Ausflug in den Grüngürtel. Beginn morgens um 08:00 Uhr, Ende 15:30 Uhr. Denn das sind ja nun meine Arbeitszeiten, egal ob Ferien oder nicht. Mit Freiheitsgefühl, Entspannung und Seele baumeln lassen hat das nur bedingt zu tut. Und dann natürlich noch das schlagende Argument meiner Tochter: "Keiner aus meiner Klasse ist in der Ferienbetreuung, ich kenne da NIEMANDEN". Und zack, spätestens dann ist es wieder da - das schlechte Gewissen der Mutter, es pocht und hämmert. Kinder sollen sich doch erholen in ihren Ferien, frei sein, sich selbst bestimmt bewegen. Liest man das nicht immer überall? Der Kinderalltag sei zu durchstrukturiert, die Kinder bräuchten mehr freie Zeit, Zeit sich mal zu langweilen, auf eigene Ideen zu kommen, sich zu entorganisieren? Ich stimme dem allen aus vollen Herzen zu und rufe: "Ja, hier, genau, ich möchte da mitmachen!"

Stellt sich nur die Frage wie. Die einen greifen auf Großeltern zurück (bei mir leider nicht möglich), bei anderen arbeitet ein Elternteil (meistens die Mutter) nur stundenweise, andere wiederum buchen teure private Ferienbetreuungen oder Feriencamps. Auf diese Möglichkeit habe ich dann auch schon teilweise zurückgegriffen, aber ganz ehrlich: 150 bis 300 EUR pro Kind und Woche, damit das Kind betreut ist, wer soll das bitte schön finanzieren? Ich kenne Familien, sich abwechselnd Urlaub nehmen und ihre Kinder quasi im Schichtdienst betreuen. Das ist eine Möglichkeit, aber für die Paar- und auch Familienbeziehung wäre es ja vielleicht auch mal ganz schön, gemeinsame Ferienzeit zu verbringen.

Wieso regt sich niemand darüber auf, dass die Familien mit diesem Problem vielerorts komplett allein gelassen werden? Ist die Lösung wirklich, dass ein Elternteil nur stundenweise arbeitet? Ist es in Ordnung, dass man die Betreuungsaufgabe selbstverständlich an Großeltern und Freunde delegiert, die ja unter Umständen weder die Möglichkeit noch die Zeit haben? Und warum können meine Kinder in den Ferien nicht ausschlafen, sich langweilen, sich spontan verabreden oder einfach mal nix tun? An dieser Stelle sei einmal die eine oder andere blasphemische Frage erlaubt: Ist es wirklich notwendig, dass Lehrer ihre Konferenzen außerhalb der Ferien legen? Oder Brückentage als pädagogische Tage nutzen? Könnten die nicht in den sechs Wochen Sommerferien stattfinden? Oder warum gibt es keine Möglichkeiten, Eltern eine Art Lohnausgleich anzubieten für die Zeit, in denen sie mit ihren Kindern in den Schulferien zu Hause bleiben? Oder Eltern für jedes Kind zusätzliche Urlaubstage erhalten würden?

Fakt ist, Eltern müssen extrem kreativ sein, um die Problematik für sich zu lösen. Und sich immer wieder neue Lösungsmodelle überlegen, die für ihre individuelle Arbeits- und Lebenszeit passt. Wir testen dieses Jahr die Variante “Zwei Kinder bleiben komplett alleine zu Hause“. Meine ältere Tochter (13) weigert sich rundheraus, fremdbetreut zu werden, meine jüngere (mittlerweile 10) eigentlich auch. Aber drei Wochen Sommerferien komplett alleine zu Hause? Von frühmorgens bis zum Nachmittag? Ich bin mir nicht so sicher. Aber zumindest den Teil mit dem Langweilen bekommen sie vielleicht ganz gut hin.

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