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Zu wenig Zeit für die Familie: Warum kommen Kinder immer zu kurz?

22.01.13 12:54
Familie und Beruf
Bildquelle: deutsche presse agentur
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Zu wenig Zeit für die Familie - woran liegt es?

Eine aktuelle Umfrage hat ergeben: Eltern wünschen sich mehr Zeit für ihre Familie. Über ein Drittel der befragten berufstätigen Eltern sagen: „Die Kinder kommen wegen der Arbeit häufig zu kurz.“ Ist das neu? Nein. Ist das überraschend? Auch nicht. Ist das ein Problem? Ja. Weil sich solche Ergebnisse seit Jahren in Umfragen wiederholen, aber politisch und gesellschaftlich nach wie vor wenig passiert.

Von Merle Wuttke

Zeit, um in Ruhe über die Schule zu sprechen. Zeit, um ein schönes Abendessen gemeinsam vorzubereiten. Zeit, um einen entspannten Spiele-Abend miteinander zu verbringen. Diese Zeit fehlt Eltern. Vielen Eltern. Satten 72 Prozent um genau zu sein, das ergab eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag einer Versicherung. Ich kann es verstehen. Der Alltag einer normalen berufstätigen Mutter läuft so oder ähnlich nämlich meistens wie folgt: Halb sieben aufstehen, Frühstück fertig machen, Kinder wecken, Schulbrote schmieren, zwischendurch sich selbst anziehen und berufsfein machen, Kinder antreiben, zur Schule schicken. Kleineres Kind anziehen, dabei mindestens drei kindliche Trotzanfälle und vier mütterliche Schweißausbrüche überstehen. Kind bei der Kita abliefern, Heulattacke aushalten, mit schlechtem Gewissen ins Büro fahren. Arbeiten. Dem Chef sagen, dass man leider nicht zur Konferenz um 17 Uhr kommen kann (weil man da mit einem Kind einen Arzttermin hat, beim Kinderturnen oder beim Musikunterricht ist – das aber lieber unerwähnt lassen.) In der Mittagspause die Einkäufe fürs Abendessen erledigen. Das Büro zu spät verlassen, weil noch ein wichtiges Telefonat erledigt werden musste, obwohl man eigentlich um 16 Uhr bei Kita und im Hort aufschlagen muss – sonst droht eine Nachzahlung. Weiter zum Sport, Musik oder was sonst an außerschulischer Bildung für den Nachmittag anliegt. Zwei Stunden später erschöpft mit allen zu Hause ankommen, Hausaufgaben kontrollieren, Haushalt organisieren. Durchdrehen.

Teilzeit? Vergessen Sie’s! Vollzeit? Auch!

Ich übertreibe? Leider nein. Wer in diesem Land versucht Job und Kind so unter einen Hut zu bringen, dass man als Elternteil zumindest das Gefühl hat, man würde noch etwas von seinen Kindern mitbekommen, hat schon verloren. Teilzeit klingt zwar verlockend, ist aber in Wirklichkeit das Grauen: Wer nicht voll arbeitet, ist immer die Doofe. Weil man pünktlich kommen und gehen muss, weil man keine Zeit für Kaffeepäuschen mit den Kollegen hat (das Arbeitspensum ist in der Regel nämlich nicht „Teilzeit“), weil man Geschäftsessen wegen eines kranken Kindes absagen muss, weil man nicht durch bloße lange Anwesenheit zeigen kann, dass man die Heldin des Büros ist.
Was also ist die Alternative? Zu Hause bleiben? Wer sich das leisten kann und sicher ist, dass die Ehe/Partnerschaft noch 40 Jahre oder länger hält – bitte schön. Aber das Versorgermodell hat angesichts drohender Altersarmut und Unterhaltsrecht eigentlich ausgedient. Vollzeit arbeiten und absolute Fremdbetreuung fürs Kind? Muss man sich auch leisten können. Und wollen. Denn klar ist: Wer sein Kind erst zum Abendbrot wieder sieht, der kann sich zwar tagsüber ohne schlechtes Gewissen voll auf den Job konzentrieren, darf sich aber auch nicht wundern, wenn das Kind nach einem langen Tag in Kita, Schule oder Hort keine Lust mehr auf Familienzeit hat, sondern nur noch seine Ruhe will. Kein Bock mehr auf andere.

Beruf &Kind = zu wenig Zeit für die Familie

Genau das wird oft vergessen, wenn es um die praktische Ganztagsbetreuung für Kinder geht: Es sind Kinder. Und die brauchen Pausen, genau oder sogar mehr wie wir Erwachsenen. Ein ganzer Tag mit anderen Kindern ist schön, aber anstrengend. Und Zeit für Langeweile, Rumhängen, Nichtstun gibt es im Alltag schon allein durch die Anforderungen in Schule nicht mehr. Das raubt Kraft und Energie. Und zwar allen. Die Lösung? Betriebskindergärten? Ein Anfang, mehr Zeit für die Familie zaubern sie aber nicht. Home-Office? Guter Ansatz. Funktioniert leider nur bei einem Arbeitgeber, der Leistung mit Effizienz und nicht mit Anwesenheit verwechselt und der genug Vertrauen in seine Mitarbeiter hat. Was also tun? Die bekannte Soziologin Jutta Allmendinger hätte da einen Vorschlag – nur ist der zu schön, um jemals wahr zu werden. Ihre Idee: Alle, ob Frau oder Mann, ob mit Kindern oder mit pflegebedürftigen Eltern, arbeiten maximal 32 Stunden. Arbeitsstunden sollten gerecht auf alle umverteilt werden, die Frauen arbeiten ein bisschen mehr als heute und die Männer weniger – so ergebe sich ganz unkompliziert mehr Zeit für alle. Für die Familie. Für sich. Fürs Leben. Ob ich das noch erleben darf?

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