FAMILIE FAMILIE

Kinderheim: Zahl der Heimkinder steigt

Kinderheim: Zahl der Heimkinder steigt
© dpa, Rolf Vennenbernd

Warum wohnen so viele im Kinderheim?

Immer mehr Kinder kommen ins Heim. Weil ihr eigentliches Zuhause für sie nicht mehr sicher ist. Missbrauch, Gewalt oder Verwahrlosung sind die häufigsten Gründe, warum Kinder in Heimen oder betreuten Wohngemeinschaften untergebracht. Was früher als Strafe angedroht wurde, ist heute ausschließlich zum Schutz der Kinder gedacht. Doch was bedeutet es für die Jugendlichen wirklich?

Von Dagmar Baumgarten

Mehr als 65. 000 Heranwachsende leben zurzeit in Heimen. Kinder deren Eltern als Erziehungsberechtigte versagt haben. Vielleicht sogar unverschuldet. Trotzdem müssen die Kinder zu ihrer eigenen Sicherheit in die Obhut einer staatlichen, oder kirchlichen Einrichtung.

Laut statistischem Bundesamt ist die Zahl der Heimkinder in den letzten drei Jahren um elf Prozent gestiegen. Immer mehr Eltern scheinen demnach bei der Erziehung und im Umgang mit ihren Kindern völlig überfordert zu sein. Leichtfertig kommt nämlich kein Heranwachsender ins Heim.

Immer noch haftet dem Begriff 'Heim' ein sehr negativer Beigeschmack an. Das liegt daran, dass es früher leider wirklich oft Massenabfertigungen gab. Überforderte und auch pädagogisch ungelernte Kräfte griffen leider immer wieder Prügel, und Psycho- Strafen. Erst in den letzten Jahren wurde das ganze Ausmaß bekannt, wie oft es in den unbeobachteten Einrichtungen zu Übergriffen, und auch Missbrauch gekommen ist. Diese Zeiten sind zwar lange vorbei, aber durch die Berichte von mittlerweile erwachsenen Opfern immer noch präsent.

Auch wenn manch reißerische Artikel gerne suggerieren, dass armen unschuldigen Eltern einfach aus Willkür die Kinder weggenommen werden, ist es heutzutage ein langer Prozess bis das Jugendamt als letzten Ausweg die Unterbringung in einem Heim anordnet. Vorher werden ambulante Hilfen, oder auch teilstationäre Hilfen angeboten, um das Kind nicht vollständig aus seinem sozialen Umfeld reißen zu müssen.

Gedacht und auch gesetzlich geregelt ist die Heimerziehung laut Sozialgesetzbuch (SGB VIII ) als Hilfe zur Erziehung, wenn eine dem Wohl des Kindes dienende Erziehung nicht mehr gewährleistet ist. Wenn sich also Eltern nicht mehr um ihre Kinder kümmern, sie verwahrlosen lassen, oder wenn sie sogar gewalttätig werden. Hier ist nicht ein einfacher Klaps gemeint, sondern Prügelstrafen mit schweren körperlichen Folgen, die es hinter verschlossenen Türen immer noch viel zu häufig gibt.

Unterbringung vom Heimkindern problematisch

Eine Unterbringung in ein Heim gegen den Willen der Eltern kann nur ein Familiengericht anordnen. Es geschieht auf der Grundlage des BGB. Es muss auch immer begründet werden, warum das Wohl des Kindes in Gefahr ist. Das Horrorszenario, das sich manche Eltern ausmalen, nämlich der Willkür eines Jugendamt-Angestellten ausgesetzt zu sein, nur weil man gerade mal Probleme hat, ist glücklicherweise unreal.

Denn die Unterbringung in ein Heim bedeutet auch erhebliche Kosten. Bis zu 10.000 Euro im Monat können je nach gewählter Jugendhilfeeinrichtung und Betreuungsintensität auflaufen. Geld, das Eltern, deren Kindern in Heimen untergebracht werden müssen, in der Regel nicht haben. Sie können dann nur herangezogen werden, wenigstens das Kindergeld zu bezahlen.

Der Grund für die gestiegenen Kosten der Heime liegt in ihrer deutlichen Verbesserung. Es gibt nicht mehr die Ansammlung von unterschiedlichsten Jugendlichen, die mehr oder weniger alle nach gleichem Schema in Großgruppen gelebt haben. Heute ist das Ziel die Gruppen zu strukturieren. Nach Alter, Problemen wie Missbrauch oder Drogenkonsum und nach Geschlecht. Auffällig ist, dass deutlich mehr Jungen als Mädchen in Heimen leben.

Der Grund ist der unterschiedliche Umgang der Jugendlichen mit den häuslichen Zuständen. Da Jungen sich im Durchschnitt bei starken Problemen mit den Eltern viel auffälliger verhalten, wird das Umfeld häufiger und schneller auf sie aufmerksam. Und kann schneller handeln. Das Ziel ist, die Jugendlichen nicht nur zu verwalten, sondern ihnen zu helfen. Durch pädagogische und auch psychologische Betreuung. Aber auch wenn sich die Lage für die Heim-Kinder stark verbessert hat, ist jedes Heim-Schicksal eins zu viel. Dass die Zahl jährlich weiter steigt, zeigt wie viel Handlungsbedarf es bei der Familienpolitik noch gibt.

Anzeige