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Kinderarmut: Arme Kinder zahlen hohen Preis

Kinderarmut: Arme Kinder zahlen hohen Preis
Kinderarmut in Deutschland: Meist sind es Kinder, die am Ende den Preis bezahlen. © picture-alliance/ dpa, Gero Breloer

Arme Kinder zahlen den Preis für ihr Schicksal

Ich habe es sehr eilig, denn ich fliege nach Berlin, weil mir ein Fernsehpreis verliehen wird - für eine Reportage über Kinder und Kinderarmut, die im September letzten Jahres im RTL-Magazin EXTRA lief.

Von Karla Steuckmann

Natürlich freue mich über die Anerkennung und darüber, dass die eigene Arbeit von Leuten geschätzt wird, die Ahnung vom Thema Kinder haben. In meinem Fall vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. Aber so richtig rückhaltlos fröhlich kann ich nicht sein. Denn dass Kinderarmut mühelos und auf das Wichtigste reduziert 30 Sendeminuten füllt, ist kein Grund zur Freude. Ich musste die Beispiele nicht lange suchen: Ein paar Tage mit offenen Augen im Haus des Kinderhilfswerks Arche und man erlebt Schicksale, für die sich unser Staat schämen sollte.

Armut, Hunger, Gewalt - und mittendrin Kinder

Da ist die kleine Sophia (4), die erst sehr zurückhaltend und vorsichtig ist, aber wenn sie auftaut, dann will sie nicht mehr vom Schoß runter. Selbst drei Wochen nach unserem ersten kurzen Kontakt erkennt sie mich wieder.

Als ich in der Kleinkindgruppe von Erzieherin Andrea Lemanczik "Hallo" sage, guckt sie mich durch ihre Ponyfransen streng prüfend an: "Kennst du mich noch?" "Klar!" "Wie heiße ich?" "Sophia!" Sie strahlt: "Und du bist die Karla...", dann will sie auf meinen Arm, ich habe den Test bestanden. Zuhause in der pieksauberen Plattenbauwohnung erzählt mir ihre Mutter Jenny (26), warum die Kleine anfangs oft misstrauisch ist.

Sie war mehr als einmal dabei, als ihr Vater ihre Mutter krankenhausreif schlug, einmal kam die nicht mal 100 Pfund leichte Frau nur knapp mit dem Leben davon. Dann endlich brachte sie den Mut auf, ihn anzuzeigen. Als er in U-Haft kam, merkte sie, dass sie wieder schwanger war. Sophias kleine Schwester Jona (2) hat ihren Vater nie kennen gelernt. Er sitzt noch in Haft, Unterhalt kann er deshalb nicht zahlen. Jenny muss mit den beiden Mädchen von Hartz 4 leben, aber sie klagt nicht. Sie träumt lieber davon, vielleicht doch noch eine Ausbildung zur Mediengestalterin machen zu können, trotz ihrer zwei Kinder.

Am schlimmsten an die Nieren ging mir die Geschichte von Brian. Er war schon abgeschrieben, sein Zuhause darf ich nicht im Detail beschreiben. Nur so viel: Selbst die hart gesottenen Arche-Mitarbeiter kommen dort an ihre Grenzen. Brian (10) spricht nicht viel, wiegt sich oft hin und her, er lutscht dabei am Daumen, zieht sich in seine Welt zurück. Deshalb sollte er auf die Förderschule, aber er kam zum Glück auf die Arche-Schule. Dort wurde zuerst sein größtes Problem gelöst: nicht genug zu essen. Arme Kinder erkennt man daran, dass sie nie im Essen herumstochern oder nörgeln - sie essen schnell, konzentriert und ehrfürchtig. Brian ist inzwischen bei einer Pflegefamilie und das ist auch gut so.

Kinderarmut unter Speckrolle versteckt

Besonders erschreckend ist das, was mit den Zwillingen Yasmin und Florian (12) passiert. Ihre Mutter ist seit 19 Jahren arbeitslos. Nein, ich schreibe bewusst nicht "arbeitssuchend". Sie kriegt das Leben nicht auf die Reihe: Wenn die Wohnung zugemüllt ist, dann liegt es an der Wohnung, nicht an ihr. In ihrer Küche kann man nur Fertigkram aufwärmen, sonst müsste man vorher putzen und abgelaufenes Zeug aussortieren.

Wir haben in den Sommermonaten gedreht und uns flogen Schwärme von Fruchtfliegen um die Ohren, wann immer die Tonassistentin Conny ihre Mikrofonangel in Deckenhöhe bewegte. Dort geht man nicht zur Toilette, dort trinkt man nichts. Bei solchen Drehs haben wir Minzöl unter der Nase und Handdesinfektionmittel im Teamwagen, aber die Kinder wachsen dort auf. Und wie die wachsen: unkontrolliert, dank Fastfood und Süßkram, dem "Salat und dem Obst der armen Kinder".

Florian startete im Juni mit 83 Kilo bei einer Körpergröße von 1,60 Meter. Das ist ein BMI von 32, normal wäre 20. Das Kind litt bereits unter Bluthochdruck. Er schämt sich, weil er dick ist und wird immer dicker, weil er sich schämt. Flo treibt den Sport der armen Kinder: Daumengymnastik an der Playstation. Kinderarzt Dr. Martin Karsten empfiehlt strikte Diät. Wir üben mit der Mutter gesundes Einkaufen, ich gebe ihr kindgerechte Kochtipps.

Zehn Wochen später bringt der zwölfjährige "Flo" 90 Kilo auf die Waage, aber "die Mama" ist nicht schuld. Nein, sie war nicht gut in Schuss und da haben sich die Kinder doch einfach reingestopft, was rumlag. Seine Zwillingsschwester Yasmin hat 65 Kilo drauf und ihr Bauch würde nicht in meine Jeans passen, ich bin 49 und zwei Köpfe größer. Das war im September 2009. Ihre Mutter ist sauer auf mich, weil ich diese Tatsachen ungeschönt gesendet habe.

Kinderarmut kommt hierzulande selten hohlwangig und hungrig daher, wie bei Brian, viel öfter versteckt sie sich unter Speckrollen und tut, als gäbe es sie nicht. Ich bekomme einen Preis, weil ich anschaulich dokumentiert habe, dass arme Kinder kranke Kinder sind. Ich wünschte, ich hätte nie mehr einen Anlass für so einen Film.

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