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Kinder und Tablet: Ist der Computer besser als ein Buch?

Kinder und Tablets
Werden Kinder per Tablet zum Superhirn? © picture alliance / All Canada Ph, Oleksiy Maksymenko

Neue Studie empfiehlt Tablets für Kinder

Zwei Dinge gibt es, von denen ich mich nie, nie, nie trennen würde: Von Flossy, einem arg zerzausten Quasi-Seehund, den ich seit meinem vierten Lebensjahr mit mir herumschleppe (in den letzten Jahrzehnten allerdings nur noch im Sinne von: Darf beim Umzug nicht weggeworfen werden) und dem Buch 'Etwas von den Wurzelkindern'. Angenagt ist es, bekritzelt und zerknittert, ein paar Seiten sind lose – eindeutig geliebt eben. Diese Patina der Zuneigung macht das Buch für mich zu etwas ganz besonderem. Hätte es in meiner Kindheit schon eBooks gegeben, hätte ich vermutlich nie eine derart emotionale Bindung zu einem Text mit Bildern entwickelt.

Von Ursula Willimsky

Aber heute sollen Kinder – so legt es zumindest eine aktuelle US-amerikanische Studie nahe – eben vor allem mit Digitalem groß werden. "Gebt den Babys am besten vom Moment ihrer Geburt an Tablets!" fordert zum Beispiel Wissenschaftlerin Annette Karmiloff-Smith.

Ihre Begründung: "Bücher sind statisch. Beobachten Sie mal Babys: Das einzige, was die an Büchern interessiert, ist der Klang, wenn eine Seite umgeblättert wird. Ihr ganzes visuelles System in dem Alter ist auf Bewegung ausgerichtet.“ Die Professorin berichtet in der 'Sunday Times‘ über ihre jüngste Studie mit hunderten von Babys und Kleinkindern. Die Hälfte durfte von Geburt an ein Tablet 'benutzen', die andere nicht.

Das Ergebnis, so die Wissenschaftlerin: "Es ist schockierend, wie schnell die Tablet-Kinder lernten. Viel schneller als Erwachsene, wenn es zum Beispiel darum ging, Texte rauf- und runter zu scrollen.“ Und wer zwischen 6 und 10 Monate alt war, erkannte die Ziffer '3' deutlich sicherer, wenn er sie auf einem Tablet gezeigt bekommen hatte.

Per Tablet zum Superhirn? Da scheiden sich die Geister… Ein deutscher Hirnforscher zum Beispiel kommt bei der Rechnung 'Baby + Computer =' zu einem ganz anderem Ergebnis: Der frühe Umgang mit Tablets verlangsame die Lernentwicklung bei Kleinkindern. Denn da fehle unter anderem ein ganz wichtiger Lernaspekt: Die Emotion.

In der 'Welt' erklärte Gerald Hüther das genauer: Ein Bilderbuch stehe für eine abgeschlossene Geschichte, die von einem Menschen vorgelesen werden, zu dem das Kind eine enge Bindung hat. "Dadurch lädt sich auch der Gegenstand emotional auf und ein Lernprozess wird beschleunigt". In einem Tablet dagegen könnten hunderte von Geschichten stecken – das Gerät stünde verwirrenderweise nicht nur für die eine, heißgeliebte Geschichte.

Zudem sei Umblättern motorisch viel anspruchsvoller als das Berühren eines Bildschirms. Noch mal was, was das Kind lernt – und was ihm später auch bei banalen Dingen wie Schnürsenkel-Selber-Zubinden helfen kann. Und auch die die Initiative 'Schau hin!' (hinter der unter anderem das Familienministerium steht) empfiehlt, "dass Kinder unter drei Jahren generell noch kein mobiles Mediengerät in die Hand bekommen sollten, da die schnellen Anwendungen sie überreizen können. In diesem Alter ist es wichtiger, erst einmal die reale Welt zu erkunden.“

Klare Regeln für Ihre Kinder und die Tablet-Nutzung sind wichtig!

Zusammengefasst: Wie man´s macht, ist´s falsch. Die leidige End-Entscheidung bleibt mal wieder bei den Eltern hängen. Bin ich technikfeindlich und verbaue meinem Kind die Chance, sich richtig früh mit den Technologien der Zukunft vertraut zu machen? Bin ich total altmodisch, weil ich finde, dass Babys nicht permanent Reize brauchen? Verpasst mein Kind wichtige Lernfenster, bloß weil ich lieber mit ihm ganz stimulationsarm kuschele, statt es schon im Alter von 5 Monaten auf seine Professur in angewandter Quantenmechanik vorzubereiten?

Immerhin empfiehlt ja sogar die 'Stiftung Lesen', Kleinkindern etwa ab dem dritten Lebensjahr auch mal ein Tablet in die Hand zu drücken. Überhaupt sehen die das Thema 'Digitales Lesen' überraschend positiv – und können sogar dem Medienkonsum von Teenagern etwas abgewinnen.

Wir zitieren: "Für Jugendliche steht vor allem das Lesen in den digitalen Medien im Vordergrund. Dieses wird oftmals gar nicht als Lesen wahrgenommen, da es alltäglich erscheint und vom gängigen Lesebegriff, der mit Printbuch, Schule und Notenzwang assoziiert wird, abweicht. Sich dem eigenen alltagsintegrierten Lesen gewahr zu werden, darin liegt eine große Chance für die Leseförderung: Gerade Nicht-Leser können sich plötzlich selbst als lesende Persönlichkeit begreifen und sich ihrer eigenen Lesekompetenz vergewissern.“

Ätsch! Ausgetrickst. Wer im coolen eBook schmökert, liest trotzdem ein Buch! Wobei sich da schon die nächste bange Frage aufdrängt: Vermutlich würden ja nur die wenigsten Eltern ihren 11-Jährigen ausschimpfen, weil er "schon wieder stundenlang über diesem dicken Wälzer gebrütet hat“. Aber wie sieht´s beim digitalen Lesen aus? Wenn die 13-jährige Tochter Stunde um Stunde in ihr Tablet starrt – wer will da schon entschieden (und kontrollieren!), ob sie wirklich mit glühenden Wangen Goethe liest? Schwierig. Sehr schwierig.

Ähnliches gilt bei Computer-Spielen: Nicht jedes wertvolle Lernspiel stößt auf ungeteilte Begeisterung. Und manche erfahrene Eltern finden auch ganz schlicht: Lernen ist Lernen. Spielen ist Spielen. Schmökern ist Schmökern. Alles hat seine Zeit und muss nicht unbedingt vermischt werden.

Die Initiative 'Schau hin!' rät, klare Regeln bei der Mediennutzung aufzustellen und nennt folgende Richtwerte:

• bis 5 Jahre: bis eine halbe Stunde am Tag

• 6-9 Jahre: bis zu einer Stunde am Tag

• ab 10 Jahre: rund 9 Stunden pro Woche

Als eine andere Orientierung gelte ein Limit der Medienzeit von 10 Minuten pro Lebensjahr am Tag oder 1 Stunde pro Lebensjahr in der Woche. Für Kinder ab 10 Jahren biete sich das Wochenkontingent an, das sich Kinder ähnlich wie beim Taschengeld zunehmend selbstständig einteilen können.

Und wenn das Kontingent erschöpft ist? Dann bleibt noch Zeit für das echte Leben da draußen. Für Freunde, mit denen man reden und nicht nur chatten kann. Und für die gute, alte Langeweile, die ja als Urmutter aller Kreativität gilt…

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