Kinder über Jahre missbraucht - und das ganze Dorf schaute weg

Wie viele Kinder wurden noch missbraucht?

Vor sieben Jahren hat Doris ihren Ehemann geheiratet. Jetzt hat sie herausgefunden, dass er eigentlich nur ihren damals sieben Jahre alten Sohn wollte. Denn Doris Ehemann ist pädophil. Für ihren Sohn gab es sieben Jahre lang kein Entkommen. „Ich denke, das Schlimmste war, dass man keine Macht über sich hatte“, sagt Dennis (Name von der Red. geändert). Aber Dennis ist nicht das einzige Opfer seines pädophilen Vaters – und während er unfassbare Qualen erlitt, hat ein ganzes Dorf die Augen geschlossen gehalten.

MAG News Kinder über Jahre missbraucht - ein Dorf schaut weg
Nicht nur Dennis wurde von seinem Stiefvater sexuell missbraucht. Während der Recherche treffen Reporterin Laura Proll und die Mutter von Dennis auf weitere Opfer des Mannes.

Heute ist Dennis 14 Jahre alt und will mutig seine Geschichte erzählen, um endlich wachzurütteln. Seit seinem siebten Lebensjahr hat sein Adoptivvater ihn jede Woche in die Werkstatt geholt, um ihn dort aufs Schlimmste zu missbrauchen. Doris durfte die Werkstatt nie betreten. Erst heute weiß sie, warum. Gitterstangen verriegeln die Fenster. Stahltüren erinnern an ein Gefängnis. Dennis hatte hier keine Chance zu entkommen. Über dem Bett ist noch immer eine Kamerahalterung befestigt. „Das Dorf wusste das auf jeden Fall“, sagt er. Doris will sich gemeinsam mit ihrem Sohn dem stellen, was passiert ist. Weil sie rausgefunden haben, dass sie nicht alleine sind. Je mehr Opfer sich melden, desto höher könnte das Strafmaß für den Täter werden.

Die Rede ist von mehreren Kindern. Nicht nur Dennis. Vier sind bereits aktenkundig. Aber warum kam es noch nie zu einer Anklage? Gemeinsam mit der verzweifelten Mutter gehen wir im Dorf auf Spurensuche. Nur einige Meter vom Täterhaus entfernt treffen wir einen jungen Mann. „Ich kann Ihnen bestätigen, dass es weitaus mehrere waren“, sagt Bartel Buntenbruch. Der Mann wirkt kräftig, fast angsteinflößend. Aber er ist es, der seit Jahren in Angst lebt. Wir erfahren, was Doris Ehemann auch ihm angetan hat als er noch ein wehrloses Kind war. „Ich habe seit meinem 12. Lebensjahr keine Nacht mehr durchgeschlafen und leide unter Bindungsängsten“, erzählt er. Bartel war elf Jahre alt, als auch er vom gleichen Täter angefasst wurde. Noch heute leidet er unter Panikattacken. Er hat vor 20 Jahren Anzeige erstattet – aus Mangel an Beweisen wurde die damals fallengelassen. Doris ist fassungslos – auch darüber, dass sie nie von irgendwem gewarnt wurde.

„Eigentlich hat der ganze Ort Bescheid gewusst – aber man hält man sich halt raus.“ Wenn doch nur irgendwer früher gesprochen hätte – vielleicht hätte Dennis dann geschützt werden können. Endlich aufzustehen und sich zu wehren hat Dennis so viel Mut gekostet, wie er eigentlich schon gar nicht mehr hatte, erklärt er uns. Und er wird noch mehr Mut brauchen – für den anstehenden Prozess. Bis er und seine Mutter ein neues zu Hause finden, wollen wir ihnen zumindest ein wenig Kraft schenken und sie zum Übergang in einem Ferienhaus unterbringen. Ein Ort der nur ihnen gehört, und nicht den Erinnerungen an das, was passiert ist.

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