Kinder sprechen immer schlechter: Wann muss ein Kind was können?

Kita-Studie: Verlieren unsere Kleinsten ihre Sprache?

Jedes zehnte Kindergartenkind mit deutschen Wurzeln braucht Sprachförderung. Zumindest in Berlin. Dort lässt die Senatsverwaltung seit einigen Jahren überprüfen, wie fit Kinder vor dem Schuleintritt in Sachen Deutsch sind. Insgesamt brauchten dort fast 16 Prozent der Kinder eine spezielle Förderung, um gut in die Schullaufbahn starten zu können.

Kleinkinder sprechen immer schlechter deutsch
Kinder im Kita-Alter sprechen immer schlechter Deutsch. © picture alliance / Bildagentur-o

von Ursula Willimsky

Aber ist das ein rein lokales Berliner Problem? Und wenn nicht: Wieso schwinden bei vielen unserer Kleinsten die sprachlichen Fähigkeiten? Diese Fragen stellten wir Dietlinde Schrey-Dern, Lehrbeauftragte im Studiengang Lehr- und Forschungslogopädie in Aachen und Mitarbeiterin beim Deutschen Bundesverband für Logopädie. Von ihr wollten wir auch wissen, was man gegen das unfreiwillige Schweigen im Kinderzimmer tun kann.

Schrey-Dern beobachtet das Problem der geringen sprachlichen Fähigkeiten in manchen Gegenden schon seit Jahren - vor allem bei Kindern aus sogenannten "bildungsfernen" Familien. Zum Beispiel also aus Familien, in denen die Eltern den Kindern (aus welchen Gründen auch immer) nicht genug Input geben können. Der sozio-kulturelle Hintergrund ist hier oft entscheidend, nicht, welche Sprache Mama und Papa sprechen: "Kinder, die zweisprachig aufwachsen, haben langfristig oft sogar einen Riesenvorteil: Die Zweisprachigkeit fördert die kognitiven Fähigkeiten. Beim Abi sind das dann oft die, die die anderen weit hinter sich lassen", weiß die Expertin.

Problematischer sieht sie eher die Sprachlosigkeit: Wenn Eltern zum Beispiel kaum etwas mit ihrem Kind unternehmen. Nie mit ihnen Bauklötze auftürmen und dabei darüber reden, was sie gerade machen. Oder das Kind völlig unkontrolliert und zeitlich unbegrenzt fernsehen lassen. "Was nicht heißt, dass Fernsehen an sich schädlich ist: Wenn man danach über das Gesehene redet, kann das sehr hilfreich sein." Wichtig sei schlichtweg das Darüber-Sprechen, "denn Spracherwerb läuft täglich ab. Ein Kind braucht das tägliche Gespräch."

Wenn Eltern mit ihren Kindern sprechen, sollten sie ganz bei ihnen sein. Ihnen in die Augen schauen. Sich auf sie konzentrieren. "Das kann für berufstätige Eltern trotz Zeitnot ja auch eine sehr schöne Erfahrung sein: Denn dadurch schaffen sie sich Inseln, fast schon Freiräume, in denen sie mit ihren Kindern sind. Das sollte man sich gönnen."

Und beim Sprechen-Lernen hilft es auch. Besser als jedes Hörspiel (das ja auch nicht schlecht ist), aber ein Hörspiel gibt nun mal auf Zwischenfragen keine Antwort. Kann keine Ideen aufgreifen. Interagiert nicht. Mama und Papa können das. Und können so ihr Kind unterstützen.

Auch indem sie nachfragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Oder indem sie ganz beiläufig ein Wort verbessern: "Guck mal, ein Tint" - "Achja, da hinten ist ein Kind!". So lernt ein Kind ganz nebenher Sprache, sagt die Dozentin. Und ab und zu kann man sich auch über Fehler freuen. Wenn die Tochter mit einem stolzen "Ich bin ganz schnell gelauft!" heimkommt, weiß man wenigstens, dass sie die Grammatik und die Sache mit der Vorsilbe ge- in der Vergangenheitsform schon prima verinnerlicht hat. Die sprachlichen Feinheiten können dann später kommen.

Und die kommen, selbst wenn die Eltern - beim normal entwickelten Kind - lange auf der Heitei-Wauwau-Schiene fahren. Das macht - so die Expertin - zwar keinen Sinn, schadet aber auch nicht.

Klingt alles in allem eigentlich ganz einfach: Input! Input! Input! Viel mit den Kindern reden. Sie liebevoll verbessern. Sich vielleicht an der ein oder anderen Wortschöpfung erfreuen. Ihnen vorlesen. Also Sprach-Vorbild sein.

Aber wieso gibt es dann trotzdem so viele Kinder, denen ihre Muttersprache fast fremd ist? Inzwischen gibt es sogar Elterntrainings, in denen Mutter und Vater lernen, wie sie die sprachliche Entwicklung ihres Kindes fördern können. Nur - so hat es Schrey-Dern beobachtet - sitzen nicht immer die Eltern im Kursraum, die diese Unterstützung am nötigsten hätten: "Da finden sie vor allem Mittelschichtseltern." Bei Eltern, die vielleicht mit ihrer Rolle und Aufgabe überfordert sind, die selbst Hilfe nötig hätten, um ihren Kindern einen guten Start zu ermöglichen, kommen diese Angebote manchmal nicht an.

Bleibt als Ort zum Sprache-Lernen die Kita. "Dort sind Erzieherinnen, die gelernt haben, mit Kindern zu sprechen", sagt Schrey-Dern. Und dort sind andere Kinder, mit denen die Kinder kommunizieren können. Wer macht was beim Rollenspiel? Wer baut welchen Turm wie? Wer zieht welcher Puppe welches Kleid an? Lauter Nomen und Verben, die sich beim Spielen in den Wortschatz schleichen. Wenn, ja wenn es genug Kinder gibt, die kommunizieren können.

"Wir kennen das auch aus anderen Großstädten als Berlin, zum Beispiel aus Köln", bedauert die Dozentin. "Dort gibt es in manchen Vierteln, in manchen Kitas, 34 Prozent Kinder mit Förderbedarf". In einer gut durchmischten Kita könnten die Kinder von ihren Spielkameraden lernen, der Timo könnte ein Sprachvorbild für den Fritz sein. "Aber wenn in einer Gruppe 80 Prozent der Kinder sprachlich nicht in der Lage ist, sich gegenseitig zu befruchten, funktioniert das nicht", sagt die Logopädin.

"Das ist sehr schade und unfair. Denn was kann das Kind dafür, dass es in diesem Viertel geboren wurde? Dass es weniger Chancen hat als andere, seine eigene Sprache zu entwickeln?", fragt sich Schrey-Dern. Eine "Zusammenballung von Kindern aus bildungsfernen Schichten", wie sie in manchen Kitas zu beobachten sei, betrachtet die Logopädin deshalb mit deutlicher Skepsis. Aber dennoch wünscht sie sich für alle Kinder einen möglichst frühen Kita-Besuch - als den Platz, an dem die Ausgangsbedingungen für gute sprachliche Ausdrucksfähigkeit geschaffen werden können. Damit es in der Schule und im Leben klappt.

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