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Kinder fordern: Wir brauchen Regeln!

Kinder fordern: Wir brauchen Regeln!

Eltern haben Angst, Nein zu sagen

Kinder brauchen klare Regeln! Das ist ja eigentlich nichts Neues, und doch, wie in so vielen Erziehungsfragen, polarisiert so eine Aussage. Denn in unserer Gesellschaft voller unbegrenzter Möglichkeiten wird es immer schwieriger, klare Entscheidungen zu treffen. Doch genau das nimmt unseren Kindern den Halt – und damit auch ihre Unbeschwertheit. Kinder wünschen sich Struktur und Regeln – das hat eine Studie des ‚Stern‘ ergeben. Viele Eltern werden jetzt laut aufschreien. Ich nicht. Ich nehme das als Anlass, mich zu outen: Ich bin eine strenge Mutter.

Von Britta Dorn

Die Studie belegt eine große Erziehungssehnsucht bei unseren Kindern. Sie wollen klare Ansagen, statt eigener Verantwortung. Ein Einjähriger, der noch nicht mal sprechen kann, will nicht entscheiden, ob er ein Dinkel-Vollkorn- oder lieber ein Roggenbrötchen möchte. Genauso wenig kann eine Zwölfjährige entscheiden, wie lange sie abends ausgehen darf. Aber genau das verlangen viele Eltern heute von ihren Kindern. In unserer multioptionalen Welt haben wir ja selbst Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen. Und diese Unsicherheit geben wir ungefiltert an unsere Kinder weiter. Wie gemein!

Der Wunsch dahinter ist ja eigentlich der, dass Eltern ihren Kindern demokratisch auf Augenhöhe begegnen wollen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Eigentlich geht es darum, nicht nein sagen zu müssen. Und um die Sorge, dann nicht mehr vom Kind geliebt zu werden. Doch diese Angst ist nicht begründet, denn ein konsequentes Nein ruft beim Kind zwar Enttäuschung hervor – allerdings nur temporär. Grundsätzlich gibt es dem Kind Halt und Orientierung. Denn, wie schon der Erziehungsexperte Jesper Juul sagte: „Ein klares Nein ist oft die liebevollste Antwort, die wir geben können“.

Mein Sohn ist fünf Jahre alt und ich behaupte, dass er ein kleiner Spießer ist. Das ging schon im Babyalter los. Während andere Eltern laue Sommerabende im Biergarten oder Park verbrachten und ihre Babys selig im Kinderwagen schliefen, wollte mein Sohn abends in sein Bettchen. Und zwar um Punkt halb acht. Lag er dann drin, hat er geschlafen wie ein Weltmeister. Heute ist das noch genauso. Regeln beherrschen unseren Alltag, wobei das Wort sehr hart klingt. Nennen wir es Regelmäßigkeiten.

"Lotte entscheidet jetzt selbst, wann sie ins Bett geht"

Als eine Bekannte mir letztens ganz stolz von ihrem neuesten Erziehungsprojekt erzählte, fiel mir sprichwörtlich die Kinnlade runter. „Lotte entscheidet jetzt selbst, wann sie ins Bett geht“. Bäng, was für ein Satz! Lotte ist fünf! Wie kann eine Fünfjährige, die gerade einmal die Uhr lesen kann, aber ein noch nicht ansatzweise ausreichendes Zeitgefühl besitzt, entscheiden, wieviel Schlaf sie braucht? Gar nicht, wie sich in den nächsten Wochen herausstellte. Denn Lotte war der Meinung, bis halb elf spielen zu müssen. Da aber morgens der Wecker um sieben klingelte, hatte meine Bekannte tagsüber zunehmend mit einem völlig übermüdeten und schlecht gelaunten Kind zu kämpfen. Das Projekt war also gescheitert.

In der Woche ist bei uns abends um sechs Uhr Feierabend. Da wird aufgeräumt und dann gibt’s Abendessen, egal ob Besuch da ist oder nicht – der muss eben gehen. Danach geht’s ab ins Bad und dann ins Bett. Meistens wird dann noch über die Länge der Vorlesegeschichte verhandelt, und da lasse ich mich gerne auch mal umstimmen – denn gute Argumentation muss schließlich belohnt werden. Das Verhalten stößt bei Freunden oft auf Unverständnis. „Findest du das nicht ein bisschen militant, die spielen doch gerade so schön?“ Äh, nein?! Ich bin doch dafür verantwortlich, dass der Kleine genug Schlaf bekommt. Die wichtigste Frage ist ja dabei auch eigentlich: Wie findet das mein Sohn? Der will natürlich eigentlich noch weiter spielen - obwohl er schon sehr müde ist. Deshalb leistet er in der Regel nur leichten bis gar keinen Widerstand. Und sind die Gäste weg, kuschelt er sich dankbar an mich.

Kinder wollen an die Hand genommen und geführt werden. Zuviel Entscheidungsspielraum verunsichert sie. Und ein Nein muss auch immer ein klares Nein sein. „Nein Arthur, heute Abend gibt es kein Video mehr. Oder wenn, dann nur ein ganz kurzes“ – was soll ein Kind bitte mit so einer Aussage anfangen? Aus der ‚Stern‘-Studie gehen die Rufe unserer Kinder klar hervor: Seid fürsorglich, setzt klare Spielregeln und kommt damit klar, dass sie euch auch mal doof finden! Nun ist es an uns, sie zu hören.

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