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Kinder-Erziehung: Typische Mutter-Sprüche verunsichern nur

Mütter haben oft mit merkwürdigen Erziehungsratschlägen zu kämpfen
Das Nervige an weisen Mütter-Ratschlägen ist unter anderem, dass sie häufig ein völlig konträres Pendant haben, das man mindestens genauso oft zu hören bekommt.

Besserwisser-Ratschläge sind für Mütter ein Graus

Ja, ich weiß! Ihr könnt das alles besser!

Es gibt auf dieser Welt kein perfekteres Wesen als eine Mutter. Sie weiß alles. Sie kann alles. Und sie gibt alles auch gerne weiter. Leider nicht immer nur an die nächste Generation, sondern gerne auch mal an Freundinnen mit eigenem Kind oder die Kolleginnen aus Krabbelgruppe oder Schulklasse. Die perfekte Mutter, die alles besser weiß und alles besser kann, muss übrigens nicht zwingend eigene Kinder haben. Sie muss noch nicht mal eine Frau sein. Sie kann auch der wildfremde Mann im Bus sein. Oder die Nachbarin von zwei Ecken weiter. Aber eines hat die "perfekte Mutter" auf jeden Fall: Ein dickes Repertoire an Sätzen, die wir einfach nicht mehr hören können und wollen.

Von Ursula Willimsky

Sie machen uns ein schlechtes Gewissen und miese Laune, diese Sätze, die häufig mit einem tiefem Luftholen beginnen und dem kleinen Wörtchen "also": "Also, mein Kleiner konnte in dem Alter ja schon sitzen." - "Also, ich weiß ja nicht, ob das so gut für das Kind ist, wenn es so früh von der Mutter getrennt wird." - "Also, meine Tochter isst ja total gerne Gemüse. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich ihr immer den Babybrei frisch gekocht habe." Also, Ihr wisst schon, was wir meinen.

Das Nervige an diesen Sätzen ist unter anderem, dass sie häufig ein völlig konträres Pendant haben, das man mindestens genauso oft zu hören bekommt. Nehmen wir mal das Beispiel mit der frühen Trennung von der Mutter. Das geht in der Variante "Also, ich finde ja, dass ein Kind in den ersten drei Jahren bei der Mutter bleiben sollte, das hat meinem Schatz gut getan"; das geht aber auch in der Variante "Also, ich hab nach 6 Monaten wieder angefangen zu arbeiten, das hat meinem Schatz gut getan."

Solche Aussagen gibt es zuhauf: "Also, ich finde ja, dass ihr die Kinder zu sehr verwöhnt" gegenkorrespondiert sehr gut mit "Also, jetzt hab dich nicht so! Du siehst doch, dass das Kind sich den Bausatz so sehr wünscht. Den schenk' ich ihm jetzt einfach."

Welche Position die Mutter - die leibliche, nicht die perfekte - auch hat, eines ist sicher: Irgendwas macht sie falsch. Und das bekommt sie auch aufs Vollkornbutterbrot geschmiert ("Also, ich weiß ja nicht, ob so kleine Kinder schon Vollkornsachen essen sollten. Da ist doch die Verdauung völlig überfordert!“).

Wobei es natürlich auch Solitäre gibt. Nicht jedes Vorwurfs-Töpfchen hat ein Vorwurfs-Deckelchen. "Wie, dein Kind darf vor dem Mittagessen Gummibärchen essen?", ist so eine Aussage. Der Gegenfall ist kaum denkbar: Wenn man seinem Kind die Süßigkeiten mit Hinweis auf die nahende Hauptmahlzeit verweigert, wird sich kaum jemand hinstellen und sagen: "Also, bei uns schlagen sich alle vorm Essen den Bauch mit Schokolade voll."

Schön blöd, wer so etwas zugibt. Auch "Also, bei uns bleiben immer alle am Tisch sitzen, bis wir fertig gegessen haben", gehört in diese Kategorie. Genauso wie "Also, bei uns ist ja um 8 Uhr Ruhe".

Was soll man auf solche Sätze sagen? Irgendwann will man sich ganz einfach nicht mehr rechtfertigen für all die schlimmen Dinge, die man als Mutter seinen Kindern so antut: "Wie, du stillst dein Kind noch? Wird Zeit, dass es etwas Gescheites bekommt. Kein Wunder, dass der nicht durchschläft, der hat Hunger!" über "Wie, du stillst jetzt schon ab? Ich weiß ja nicht, ob das so gut für das Immunsystem des Kleinen ist" bis hin zu "Wie, du stillst gar nicht? Also, ich glaub ja nicht, dass das gut für die Mutter-Kind-Bindung ist". Falsch. Alles falsch. Egal, was und wie.

Erzieherisches Können wird ständig bewertet

Väter sehen sich übrigens einem etwas eingeschränkterem Repertoire gegenüber. Die Sätze, die sich anhören müssen, lauten meist: "Ach, das ist halt nichts für Männer" oder (schmunzelnd) "Ja, ja, da ist der Papa jetzt aber überfordert."

Überfordert sind aber auch die Frauen. Spätestens wenn die Brut zur Schule geht, wird nämlich auch ihr erzieherisches Können gleich mitbewertet. Und für ihr Engagement zuhause gibt es dann noch nicht einmal automatisch gute Noten! "Also, ich kann mich ja nicht erinnern, dass ich damals mit meinen Kindern so viel gelernt habe" verso "Also, sind Sie denn sicher, dass Sie mit ihren Kindern genug lernen?"

Gerade bei Teilzeit-Arbeitenden kommt auch ein forsches "Na, was hast du heute den ganzen Tag so getrieben? Freien Tag genossen?" nicht ganz so gut an. Was sollen sie darauf auch sagen? "Nix hab ich gemacht! Außer ein bisschen aufräumen, kochen, Hausaufgaben überwachen, putzen, die Kinder irgendwo hin fahren und wieder abholen, und bügeln vielleicht." Das klingt ganz schnell kindisch-eingeschnappt. Besser ist es vielleicht, sich im Bombardement der subtilen und nicht ganz so subtilen Anfechtungen eine gewisse Gelassenheit zuzulegen.

Ärgern bringt bekanntlich nichts. Und Gegenschießen eigentlich auch nicht. Am besten für den eigenen Seelenhaushalt ist es vermutlich, die Sticheleien und Besserwissereien an sich vorbeirauschen zu lassen. Als ob´s der Wind wäre, der mit den Blättern der Pappeln spielt. Selbst dann, wenn einen der freundliche Herr darauf hinweist, dass man "mit dem Kinderwagen ja jetzt wirklich aus dem vollen Bus draußen bleiben soll". Denn jetzt sei schließlich die Zeit, zu der die Leute unterwegs sind, die arbeiten. Und jetzt atmen wir alle ganz tief durch und werden gaaaanz ruhig.

Aber wie? Die Möglichkeit, sich in eine meditative Nebenwelt zu beamen und den Wortstrom überhaupt nicht wahrzunehmen, ist wohl eher die Version für Mental-Profis. Die Schlagfertigkeits-Variante scheidet von vorneherein aus, die passende schnippische Bemerkung fällt einem eh erst zuhause ein. Man könnte dem Gegenüber den Stinkefinger zeigen, natürlich nur im Geiste. Oder sich alles ganz genau merken und sich bei der besten Freundin darüber ausheulen, wie gemein die Menschen doch sind. Bleibt nur zu hoffen, dass die die ganzen Probleme auch versteht, und nicht mit einem "Also, bei mir lief das ja immer ganz anders" kontert…

Was sind denn die Sprüche, die ihr nicht mehr hören könnt, weil ihr sie schon viel zu oft habt hören müssen? Schreibt sie uns. Und falls ihr eine gute Strategie habt, diese Sätze abzuwettern: Bitte verratet sie uns!

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