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Kinder-Burnout

Kinder mit Burnout-Syndrom
Ihre Freizeit sollen die Kinder sinnvoll verbringen. Und funktionieren sollen sie auch.

Kinder mit Burnout-Syndrom

Wollen wir uns mit den Kindern mal auf einen Kaffee treffen? Eine einfache Frage – und doch fällt die Antwort inzwischen so schwer. "Warte mal, morgen hat der Julian Theatergruppe, am Dienstag ist die Jana im Ballett, am Mittwoch gehen die beiden zum Englisch-Arbeitskreis, und am Donnerstag zur Musikschule. Aber Freitag – da hätten wir Zeit." Kommt Ihnen das bekannt vor?

Von Ursula Willimsky

Für die Mütter ist so etwas extrem stressig. Irgendwie mutieren sie zum Kinder-Bring-und Hol-Service. Und für die Kinder? Oft drängt sich da Außenstehenden die Frage auf: Ja, wann spielen die denn überhaupt mal? Einfach so, ohne pädagogische Führung, ohne Sinn und Zweck? Bloß aus Spaß? Dafür ist in unserer Welt immer weniger Platz vorgesehen.

Ihre Freizeit sollen die Kinder sinnvoll verbringen. Und funktionieren sollen sie auch. Gute Noten nach Hause bringen. Viel lernen – in immer kürzerer Zeit. Für das Pensum, für das sie früher 13 Jahre Zeit hatten, müssen nun plötzlich 12 Jahre reichen.

Eine Mutter, deren Sohn in Baden-Württemberg aufs Gymnasium geht, klagt: "Der Ben hat von uns eindeutig den längsten Tag. Morgens früh raus, ganz oft Nachmittags-Unterricht, und ewig viele Hausaufgaben. Das tut mir oft richtig weh, wenn ich seh, wieviel Zeit der am Schreibtisch verbringt, und wie wenig Zeit ihm bleibt, draußen mal rumzubolzen."

Immer mehr Kinder leiden an Depressionen

Fakt ist: Die Zahl der Depressionen bei Kindern wächst. Schulpsychologische Dienste beobachten, dass genau dieses Krankheitsbild in den vergangenen neun Jahren immer häufiger bei Schülern zu beobachten ist.

Hans-Jürgen Tölle vom Zentralen Schulpsychologischen Dienst der Stadt München sieht die Ursachen dafür einerseits in trostlosen Zukunftsperspektiven und allgemeiner Sprachlosigkeit in Familien. In einem Interview mit der SZ betont er aber auch, dass die schulischen Belastungen extrem zugenommen hätten: "Die frühe Selektion, zu hören, dass man nichts kann und nichts taugt, führt zu einem verminderten Selbstwertgefühl." Mögliche Folgen: Depressionen oder Burnout. In einem Forum schreibt eine Diplom-Pädagogin: "Insbesondere sehr 'liebe' und angepasste Kinder laufen Gefahr durch die Anforderungen ihrer Umwelt (Eltern, Lehrer, Mitschüler usw.) ein Burnout-Syndrom zu bekommen. Ebenso Kinder, die sich gegen Überbeanspruchung mit schwierigem Verhalten zur Wehr setzen, wenn sie dadurch so starken Gegendruck bekommen, dass sie quasi 'gegen eine Wand laufen'."

Kindersorgen ernst nehmen

Das Problem: Oft werde erst sehr spät erkannt, dass die Kinder ein Burnout haben. Oder an Depressionen leiden. Immer wieder hört Tölle zum Beispiel von den Kindern, die in die Beratung kommen, dass Eltern über ihre Depression einfach hinweggehen und ihnen sagen, sie sollten sich doch zusammenreißen. Doch dadurch würden sie oft noch hilfloser, wie er im SZ-Interview betont.

Dass mit der zarten Kinderseele etwas nicht mehr im Lot ist – das zeigt sich oft in körperlichen Symptomen. Wie bei Erik: Er ist 10 Jahre alt – und die Schule hat ihn krank gemacht. In der dritten Klasse kam er plötzlich nicht mehr mit. Der Lernstoff wurde ihm zu viel, die Lehrerin machte sich Sorgen und die Eltern machten Druck. Ständig quälten den 10-Jährigen Kopf- und Bauchschmerzen, er brach zusammen, musste sich übergeben.

Es dauerte lange, bis eine Kinderärztin erkannte, dass die köperlichen Beschwerden Reaktionen auf den Druck in der Schule waren. Wenn Kinder plötzlich ganz schweigsam werden. Morgens nicht mehr aufstehen wollen. Keine Lust mehr auf die Schule haben. Auffällig häufig krank sind. Oder sich immer mehr zurückziehen.

Spätestens dann sollten die Eltern aktiv werden. Sich mit dem – hoffentlich – verständisvollen Lehrer zusammensetzen oder eine Familienberatungsstelle aufsuchen.

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