Khanova: Wir sind nicht immer brave Mädchen

Femen Germany
Femen-Germany-Mitbegründerin Irina Khanova verrät im Interview, was es mit den Sextrimistinnen auf sich hat.

Femen: Wir möchten eine Partei gründen

Interview: Jakob Paßlick

Es gab große Kritik an Protestaktionen von Femen. Beispielsweise in Hamburg auf der Herbertstraße, als sie mit der krassen Nazi-Parole "Arbeit macht frei" auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machten.

Khanova: Ich fand diese Aktion richtig gelungen. Wir haben den schmerzhaften Punkt in Deutschland getroffen. Davor gab es keine Diskussion. Wir haben das Thema wieder in den Fokus gebracht.

Also ein Erfolg?

Khanova: Ja. Durch die Kritik an uns haben wieder viele Menschen angefangen darüber nachzudenken. Im besten Fall werden sie auch handeln und etwas gegen Zwangsprostitution unternehmen.

Kritik kam ebenso von muslimischen Frauen, die sich bevormundet fühlen, woran könnte das liegen?

Khanova: Wir haben heftig diskutiert und suchen den Kontakt zu den Frauen. Wir haben einen offenen Brief verfasst. Sie haben unseren Protest missverstanden, sind aber leider nicht auf uns zugekommen, sondern haben die Missverständnisse verbreitet. Wir sind im Kontakt mit muslimischen Frauen, wir verstehen um was es geht. Doch Frauenrechte sind universell und nicht durch kulturelle Unterschiede geprägt. Wenn man zum Beispiel gegen Genitalverstümmelung protestiert, ist das ein weltweites Problem. Man kann das ja nicht mit einer Kultur oder Religion rechtfertigen. Die Würde des Menschen und besonders des Körpers ist unantastbar. Das gilt auch für muslimische Frauen. Ein anderes Problem ist, dass muslimische Frauen zum Großteil gezwungen werden zu schweigen.

Gibt es denn Grenzen des Protests?

Khanova: Nein. Wir sind ja nicht beispielsweise nicht generell gegen das Tragen von Kopftüchern. Wir sind aber gegen den Zwang. Wenn man das aus religiösen Gründen macht, ist das doch okay. Aber wenn du gezwungen und geschlagen wirst, weil du das Kopftuch nicht trägst, das geht nicht. Dagegen müssen wir kämpfen.

Femen: Wir bezeichnen uns als Kriegerinnen

Haben Sie keine Angst, dass der Protest für Sie beispielsweise im Beruf Konsequenzen haben könnte? Dass sie oder eine junge Aktivistin plötzlich einen Arbeitsplatz nicht bekommen, weil sie nackt protestieren?

Khanova: Das muss man schon selbst entscheiden. Ich weiß, dass es bei uns Frauen gibt, die Angst haben, beruflich Schaden davon zu nehmen. Aber wenn ich ein Vorstellungsgespräch hätte und ich würde nicht so akzeptiert werden wie ich bin und was ich mache, dann brauche ich nicht in das Unternehmen zu gehen. Das ist für mich eine Doppelmoral. Die gleichen Leute, die dich wegen deiner Nacktheit verurteilen, gehen abends ins Bordell. Mit solchen Leuten muss ich dann nicht arbeiten.

Leicht gesagt, aber falls tatsächlich eine junge Aktivistin ihren Job nicht bekommen sollte, was würden Sie machen?

Khanova: Wir würden das öffentlich machen und ich glaube, das würde einen großen Skandal geben.

Die Aktivistinnen von Femen nennen sich Kriegerinnen. Ist das nicht eine extrem aggressive Bezeichnung in ihrem friedlichen Protest?

Khanova: Ich bezeichne mich auch als Kriegerin und Kämpferin oder Amazone. Menschenrechte werden nicht verschenkt. Deshalb müssen wir kämpfen, aber natürlich ohne Waffen. Wir benutzen nur unseren Körper und unsere Ideen als Mittel, um die Gleichberechtigung zu erkämpfen.

Kam denn schon ein Politiker oder eine Partei auf Sie zu, um mit Ihnen in den Dialog zu treten?

Khanova: Nein, bis jetzt nicht. Ich glaube, sie haben ein bisschen Angst mit uns in Kontakt zu treten, weil wir ja nicht unbedingt politisch korrekt und nicht immer brave Mädchen sind. In der Politik ist Doppelmoral so verbreitet, dass man sich nicht öffentlich zu so provokativen Gruppen - wie wir es sind - bekennen möchte.

Lesen Sie auf Seite 2: Warum Femen eine politische Partei gründen möchte, was Irnia Khanova über Angela Merkel denkt und warum Femen Russlands Präsident Wladimir Putin erneut attackieren würden.

Femen: Wir wollen eine Partei gründen

Femen Germany
Eine Femen-Aktivistin beim Ansturm auf Wladimir Putin © dpa, Jochen Lübke

Würden Sie sich über Kontakt zu Parteien freuen?

Khanova: Ich glaube, das kann uns auch stören. Wir sind außerparteilich. Deswegen erwarten wir das auch nicht.

Dieses Jahr ist Bundestagswahl. Mit welcher Partei könnten sich Femen am ehesten identifizieren?

Khanova: Mit der Femen-Partei.

Aber Sie wollen doch keine politische Partei gründen?

Khanova: Doch, wenn wir wachsen. Vielleicht wollen wir das dann anstreben.

Also können sie sich durchaus vorstellen, Politik zu gestalten?

Khanova: Ja, auf jeden Fall.

Aber unter den jetzigen Parteien wird es schwierig eine zu priorisieren?

Khanova: Die Vorhandenen Parteien sind alle zu ähnlich. Ich bevorzuge eh das Modell der Volksabstimmung. Wieso ist das nicht möglich? Politiker sind Dienstleister, die für uns, nicht gegen das Volk arbeiten sollen.

Wenn Femen also eine Partei gründen sollte - passt dann barbusiger Protest?

Khanova: Ich glaube, dass wir immer eine Aktionismus-Gruppe bleiben werden. Gleichzeitig könnte es aber auch eine Partei geben. Da spricht nichts dagegen.

Femen: Wir werden Putin wieder attackieren

Was passiert mit Ihnen, falls es eine Strafe durch die Putin-Aktion geben sollte? Machen Sie bei Femen weiter?

Khanova: Ja, auf jeden Fall.

Also lassen Sie sich nicht abschrecken?

Khanova: Wenn ich nicht wüsste was ich tue, hätte ich das gelassen. Mich hat aber diese Ungerechtigkeit wie bei Pussy Riot getroffen. Nur weil die friedlich demonstrieren, sitzen sie in Haft. Ich habe die Chance ergriffen, Putin zumindest hier zu erwischen und wenn er nochmal kommt, werden wir ihn wieder attackieren.

Was würden Sie Bundeskanzlerin Angela Merkel gerne einmal sagen?

Khanova: Also dieser Protest war nicht nur gegen Putin gerichtet. Er war auch gegen Merkel gerichtet. Man sollte keine Geschäfte mit Diktatoren machen. Man soll nicht mit ihnen Händeschütteln. Sie sollte lautstark Forderungen stellen. Russland ist auch vom deutschen Export abhängig und das nicht zu gering. Auf dieser Basis könnte man handeln und Forderungen stellen. Genauso Außenminister Guido Westerwelle. Wenn ich an seiner Stelle wäre, würde ich Putin fragen: Denkst du ich bin krank, nur weil ich schwul bin?

Was ist von Femen in Zukunft zu erwarten?

Wir planen gerade wieder einen Protest. Wir benutzen nicht nur unseren weiblichen Körper, sondern nutzen auch unsere Kreativität. Wenn wir merken, dass unsere Strategie nicht mehr greift, ändern wir unsere Taktik. Wir sind eine Bewegung die immer in Bewegung sein und friedlich agieren wird. Ihr werdet noch von uns hören!

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