Karezza: Sex nur noch ohne Orgasmus?

Karezza - Sex ohne Orgasmus
Karezza - Sex ohne Orgasmus © soschoenbistdu, Diana Drubig

Bei Karezza ist der Weg das Ziel

Worum geht's beim Sex? Um Karramba Karracho? Oder um Karezza? Eigentlich um beides - je nach persönlicher Vorliebe. Weil aber über das Karramba schon so viel geschrieben und geredet wurde, widmen wir uns heute dem "Karezza" - einer Form der körperlichen Liebe, bei der es um ganz viel Zärtlichkeit geht. Um den Austausch von Energie und Liebe. Um Nähe und Ekstase. Aber nicht um den Orgasmus. Auf den können Paare, die "Karezza" praktizieren, gerne verzichten. Genauergesagt: Eines der Ziele von "Karezza" ist Sex ohne Orgasmus. Ohne Leistungsdruck. Der Weg ist das Ziel.

Von Ursula Willimsky

Gerade Langzeit-Paare dürften diesen entspannten Umgang mit der Sexualität als befreiend empfinden. Die vermeintliche Verpflichtung, dass es zum "guten Sex" gehört, dass beide zum Höhepunkt gelangen, fällt weg. Und damit auch Versagens-Ängste. Oder das Gefühl, dem Partner etwas vorspielen zu müssen. In einem Interview mit dem US-Sender ABC schwärmt zum Beispiel ein Schreiner, dass er und seine Frau jahrelang "Probleme" im Bett gehabt hätte - bis sie "Karezza" für sich entdeckt hätten. Seither erlebten sie gemeinsam viel tiefere Befriedigung.

Die Bezeichnung "Karezza" ist vom italienischen "carezza" (Liebkosung, Streicheln) abgeleitet. Weit weniger zärtlich klingt die lateinische Bezeichnung "coitus reservatus". Aber um Zurückhaltung geht es tatsächlich. Vor allem der Mann soll bei "Karezza" immer wieder innhalten, wenn er spürt, dass er sich dem Höhepunkt nähert. Die Partner verzichten auf den Orgasmus, oder streben ihn zumindest nicht an. Geschieht er doch, sollte er nicht den Endpunkt der Zärtlichkeiten darstellen, sondern, so lesen wir auf wikipedia, in diesen aufgehen: "Der gesamte Geschlechtsakt kann somit orgastischen Charakter annehmen."

Ist Karezza die Rettung für lange Ehen?

Die US-Therapeutin Deb Feintech empfiehlt "Karezza" Paaren, die ihre Liebe neu beleben wollen. Und anders als man vielleicht erwarten würde, finden sich in ihrer Klienten-Datei sehr viele Männer, die sich mit Lust auf das neue Liebesmodell einlassen. Auch wenn vielleicht nicht jeder versteht, was an Sex ohne Höhepunkt so toll sein soll.

"Karezza" ist so etwas wie der Langzeit-Gegenentwurf zum schnellen Quicky. Es geht auch um das Gefühl der tiefen inneren Verbundenheit und um geistige Extase. Ganz neu ist die Idee nicht, schon Ende des 19. Jahrhunderts erschien laut wikipedia ein Büchlein mit dem schönen Titel "Die Reform-Ehe. Ein Mittel zur Erhöhung der Daseinsfreude und zur Veredelung des Menschengeschlechts". Nicht um biologische Fortpflanzung ging es der Autorin Alice Stockham, sondern um "geistig-spirituelle Fortpflanzung".

Auf jeden Fall kommt man sich auch emotional näher, sind sich die heutigen Anhänger von "Karezza" einig. Sie haben Klischees á la schneller, höher, weiter aus ihrem Bett geworfen und widmen sich mit Hingabe der langsamen Kunst der Liebe. Deren Kunst darin besteht, zu bleiben, nicht zu kommen. So beruhigen einschlägige Seiten Interessierte denn auch mit dem Hinweis, dass "Karezza" nicht unbedingt schon beim ersten Versuch gelingt - man kann durchaus zum Höhepunkt kommen (weshalb die Methode sich auch nicht zur Empfängnisverhütung eignet). Schon am Anfang gilt für "Karezza"-Willige: Bitte haben Sie ein bisschen Geduld.

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