BERUF BERUF

Kampf gegen die innere Uhr: Warum ein später Schulbeginn die Leistung verbessert

Später zur Schule für mehr Erfolg?

Würde die Schule nur eine Stunde später anfangen, wären die Schüler fitter und gesünder. Durch die Anpassung der Zeiten an unsere innere Uhr könnten sich die Leistungen der Schüler um zehn Prozent verbessern, so eine große britische Studie. Doch die Schüler selbst haben Angst um ihre Freizeit.

Späterer Schulbeginn fördert Leistung
Fit und gesund durch eine Stunde länger schlafen © picture-alliance/ dpa, Lehtikuva Tuomas Marttila

Von Jutta Rogge-Strang

Mit der Erfindung der Glühbirne fing es an: Die Menschen waren nicht mehr auf das Tageslicht angewiesen, um ihr Arbeitspensum zu erledigen. Mit der Industrialisierung kam Licht ins Dunkel, heute leuchten Computer und das Handydisplay bis spät in die Nacht. Bei den meisten Menschen hat das dazu geführt, dass sie später müde und später munter werden. Dabei schlafen "Nachteulen" nicht länger als die "Lerchen", sondern nur zu anderen Uhrzeiten.

Wenn man nun den Schulbeginn um eine Stunde verschieben würde, könnte man bei den Jugendlichen um zehn Prozent bessere Ergebnisse erzielen, so eine große britische Studie: Die Schlafqualität wäre besser, die Tagesmüdigkeit weniger. In Folge wären alle in einer besseren Stimmung, könnten besser dem Unterricht folgen und ihre Gesundheit verbessern.

Der Gedanke an einen späteren Schulstart ist nicht neu: "Viele Familien wünschen sich die Entschleunigung morgens", sagte Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) dem "Spiegel". Dafür sei allerdings ein Wandel in der Wirtschaft nötig, denn: "Die Eltern sagen auch: Ein späterer Schulbeginn passt nicht zu unserer Arbeitswelt", so die Familienministerin.

Der Mensch lebt gegen seine innere Uhr

Aber soll sich unser aller Gesundheit einem veralteten Arbeitsmodell unterwerfen? Angeblich sind 70 Prozent der Deutschen davon betroffen. "Die Arbeitszeiten stimmen für fast keinen mehr", sagt der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg: Der Mensch ist gezwungen, gegen seine innere Uhr zu leben. Würden wir alle unsere Wecker ausstellen, würden wir erst um acht Uhr morgens von alleine aufwachen. Das hat nichts mit Faulheit zu tun: In uns tickt die innere Uhr, und wenn wir auf sie hören, wären wir leistungsstärker, gesünder und lustiger. Nur weil sich eine Gesellschaft gemeinsam morgens aus dem Bett quält, um in einem Rhythmus zu leben, der allen nicht gut tut, ist das noch kein Argument für frühes Aufstehen.

Arbeiten wir tatsächlich nicht nur zu früh, sondern auch zu viel? David Spencer, Professor für Wirtschaft und politische Ökonomie an der Universität von Leeds, plädiert für eine 30-Stunden-Woche und ein Drei- oder noch besser Vier-Tage-Wochenende. Danach kehrten Arbeitnehmer erholt an den Arbeitsplatz zurück und würden deutlich effektiver ihren Job verrichten. Alles in allem würden Mitarbeiter, die weniger arbeiten, das Leben mehr genießen - sowohl in beruflicher als auch in privater Hinsicht.

Das hört sich ja verboten nach Lebensqualität an. Allerdings gibt es auch organisatorische Probleme: Die Schüler haben dank der Schulreform G8 heute bis 16 oder 17 Uhr Schule. Würde sich der Schulbeginn weiter nach hinten verschieben, hätten sie kaum Zeit für Hausaufgaben, Hobbys und Freunde. Wollen wir wirklich eine Gesellschaft, die später zur Arbeit und Schule geht, weniger Stress und gute Laune hat und das Leben genießt?

Anzeige