Kaiserschnitt oder normale Geburt - Wohin führt der Baby-Trend?

Kaiserschnitt oder normale Geburt - Wohin führt der Baby-Trend?
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Welche Vorteile hat ein Kaiserschnitt oder die normale Geburt?

Ein Drittel der deutschen Babys erblickt das Licht der Welt in Form einer OP-Saal-Lampe, weil sie durch Kaiserschnitt geboren wurden. Die anderen zwei Drittel kommen auf natürlichem Wege zur Welt: Im Kreißsaal, zu Hause oder im Geburtshaus. Zum ersten Mal seit 1991 (seit damals werden die Zahlen erfasst) sind 2012 weniger Kinder durch eine Sectio geboren worden als im Vorjahr. 31,7 Prozent statt 32,1 Prozent. Deutet sich da vielleicht ganz zart ein leichter Trend zu mehr Natürlichkeit an? Legen wieder mehr Frauen – und Ärzte – Wert auf die Vorteile, die eine natürliche Geburt haben kann im Vergleich zum Kaiserschnitt? Es sei verfrüht, aus diesem Rückgang bereits eine Trendwende abzusehen, so Dr. med. Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte. Mit seinem Verband haben wir auch über die Frage gesprochen, weshalb es überhaupt so viele Kaiserschnitte gibt.

Von Ursula Willimsky

Der Berufsverband bestätigt zumindest die Tendenz: "Die Kaiserschnittrate ist seit 2011 vor allem in Bundesländern zurückgegangen, die bisher eine hohe Kaiserschnitthäufigkeit hatten wie Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Schleswig-Holstein. In einigen Bundesländern dagegen, die bisher eher am unteren Rand der Skala lagen wie Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt steigt die Zahl der Kaiserschnitte dagegen weiter an."

Beispiel Bayern: Dort hat die Zahl der Kaiserschnitte von 2011 (33,6 Prozent) über 2012 (33,2 Prozent) auf 2013 (33,0 Prozent, vorläufige Trendanalyse) kontinuierlich abgenommen. "Allerdings scheint es, als ob die Entscheidung gegen einen Kaiserschnitt in vielen Fällen teuer erkauft ist", gibt der Bundesverband der Frauenärzte zu Bedenken. "Während im Jahr 2010 unter den Kaiserschnitten insgesamt die Rate der geplanten (primären) Kaiserschnitte noch höher war als die der sekundären, hat sich das Verhältnis seit 2011 umgedreht. Während die Zahl der geplanten Kaiserschnitte immer weiter abnimmt, steigt die Rate der Kaiserschnitte, für die die Entscheidung erst während der Geburt fällt. Bei diesen sekundären Kaiserschnitten besteht immer ein erhöhtes Risiko für Mutter und Kind. Sie sollten eigentlich dringend vermieden werden."

Eine normale Schwangerschaft dauert etwa 40 Wochen. Wobei sich nicht alle Mütter und Babys an diese Werte halten: Etwa ein Drittel lässt sich mehr Zeit, ein Drittel kommt zu dem Termin, den die Gynäkologin ausgerechnet hat, und ein Drittel will schon vorher mal in die Welt gucken. Ab Ende der 37. Schwangerschaftswoche gilt ein Baby als "reif", wobei sich in den letzten Jahren immer mehr die Erkenntnis durchsetzt, dass es medizinisch Sinn macht, Kindern solange wie möglich Zeit zum Entwickeln in der Gebärmutter zu geben. Was zum Beispiel die Anfälligkeit für Asthma oder Bronchitis beeinflussen kann.

Doch nicht immer ist das möglich. Wenn man die oft lebhafte Diskussion pro und contra Kaiserschnitt verfolgt, könnte man manchmal fast das Gefühl bekommen, als ob dieser schwere medizinische Eingriff so etwas sei wie eine "Lifestyle"-OP. Gewünscht von Frauen, die sich vor der Geburt mit ihren Schmerzen drücken wollen. Dabei ist die sectio caesarea oft der einzige Weg, um das Leben von Mutter und Kind zu schützen. Nur ein Beispiel: Zwischen Fötus und Gebärmutter liegt die Plazenta. Wenn die Gebärmutter vor dem Gebärmutterhals liegt, ist eine natürliche Geburt unmöglich. Bei einer natürlichen Geburt würde die Mutter verbluten. Problematisch ist es auch, wenn die Plazenta auf der Narbe eines früheren Kaiserschnittes liegt. Auch hier drohen schwere Blutungen – bis heute eine lebensbedrohliche Situation.

In solchen und ähnlichen Fällen muss ein geplanter, früher Kaiserschnitt durchgeführt werden, betont der Berufsverband der Frauenärzte. Und zwar so früh terminiert, dass die natürliche Geburt auf gar keinen Fall beginnt. An die 20 Prozent der in Deutschland durchgeführten Kaiserschnitte fallen in diese Kategorie. Der Rest hat andere Gründe.

Bei etwa 10 bis 15 Prozent aller Kaiserschnitte ist bereits länger vor der Geburt bekannt, dass eine natürliche Geburt nicht möglich ist. Bei weiteren 35 bis 45 Prozent ergibt sich eine solche Situation kurz vor oder während der Geburt. Bei den übrigen etwa 45 bis 50 Prozent (also etwa 15 Prozent aller Geburten) gab es Entscheidungsspielraum für oder gegen einen Kaiserschnitt. Und die Schwangere, Ärzte und Hebammen haben sich dafür entschieden, dass ein Kaiserschnitt die beste Variante ist.

Die Kaiserschnitt-Rate ist abhängig vom Wohnort

Die große Mehrheit der Babys kommt auf natürlichem Wege zur Welt. Es gibt viele – wissenschaftlich bewiesene oder gefühlte – Vorteile: Angeblich sind solche Kinder robuster. Manche Theorien sagen, dass sie durch den frühen Kontakt mit diversen Keimen widerstandsfähiger sind. Dass der Weg durch den Geburtskanal ihnen noch einmal einen kräftigen Schuss Urvertrauen einmassiert. Dass die Geburt als solche für die Mutter ein unvergessliches Erlebnis sei. Ja, und viele Mütter sagen auch, dass man sich von einer natürlichen Geburt – unerträgliche Schmerzen hin oder her – schneller erholt als von einem Kaiserschnitt mit seiner Narbe und der Vollnarkose.

Dennoch bekamen auch im Jahr 2012 über 200.000 der Schwangeren ihr Baby per Kaiserschnitt (Quelle: Statistisches Bundesamt). Und nicht bei allen lag eine Entscheidung auf Leben und Tod vor. Die Grenze, wann der Eingriff medizinisch begründet ist und wann nicht, ist eine fließende. Auf der einen Seite gibt es die Notkaiserschnitte – wenn beispielsweise die Herztöne des Kindes während der Geburt schlechter werden und anzeigen, dass das Kind zu ersticken droht. Wenn nichts unternommen wird, zum Beispiel wenn das Köpflein des Babys auf die Nabelschnur drückt. Auch gibt es Kaiserschnitte, weil die Geburtsnarbe von einer früheren Geburt sehr schwach ist und zu reißen droht.

Es gibt aber auch Sectiones, die sich vor allem die Schwangere wünscht. Zum Beispiel, weil sie befürchtet, dass sie nach der Geburt nicht mehr sexuell attraktiv sein könnte ("ein Ammenmärchen", befindet der Verband). Der Berufsverband der Frauenärzte gibt aber auch zu bedenken, dass manche Mütter auch schlichtweg panische Angst vor der Geburt haben. Soll man diese Frauen überreden zur natürlichen Geburt, vielleicht auch auf die Gefahr hin, dass sie ihr Leben lang traumatisiert sind? Viele Praxen und Kliniken bieten inzwischen gerade für diese Frauen spezielle Angebote – von Gesprächen zum Umgang mit der Angst bis hin zu Akupunktur oder Homöopathie. Zudem ist für viele Frauen vor allem auch die Hebamme eine wichtige, greifbare Ansprechpartnerin.

Und dann gibt es da noch einen Faktor im Spannungsfeld 'Natürliche Geburt / Kaiserschnitt', der auf den ersten Blick überrascht: Mehrere Studien zeigen, dass die Zahl der Kaiserschnitte auch davon abhängt, wo man wohnt. Im Saarland entschieden sich, so die Zahlen des Statistischen Bundesamtes, über 37 Prozent der Mütter und Ärzte für diesen Eingriff – in Sachsen nur etwas mehr als 23 Prozent.

Einer der möglichen Gründe – so formulierte es auch die Bundesregierung in der Antwort auf eine kleine Anfrage im Jahr 2012: Die unterschiedliche Personaldecke in den Krankenhäusern. Nicht jedes Haus habe die Kapazität, jede Schwangere rund um die Uhr und auch am Wochenende mit der größtmöglichen Sicherheit durch eine natürliche Geburt zu begleiten. Manche Experten mutmaßen auch, dass Mediziner Haftungsfragen unterschiedlich bewerten. Denn wenn nach einer Geburt ein gesundheitlicher Schaden bei Mutter oder Kind bleibt, dann müssen die Ärzte vor Gericht beweisen, dass sie alles getan haben, um diesen Schaden abzuwenden. Auch das führt womöglich dazu, dass manche Ärzte in unklaren Situationen lieber einen Kaiserschnitt durchführen, damit ihnen das Abwarten später nicht vorgeworfen werden kann.

Ist die Abnahme der Kaiserschnittrate von 2011 auf 2012 in Deutschland nun positiv zu bewerten oder nicht? "Wichtig ist es, dass es Mutter und Kind vor, während und nach der Geburt gut geht, und dass beide keine dauerhaften gesundheitlichen Schäden aus der Geburt davontragen", sagt Dr. Albring.

Was ist Eure Meinung zu diesem Thema? Und was sind Eure Erfahrungen?

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