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Kaiserschnitt oder natürliche Geburt?

SO läuft ein Kaiserschnitt ab
SO läuft ein Kaiserschnitt ab Jedes dritte Kind kommt so zur Welt 00:03:07
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Viele Frauen haben Angst vor der Geburt

Mitten in der Nacht setzen plötzlich die Wehen ein, stärker werdende Schmerzen lassen den Körper verkrampfen, ein Taxi wird bestellt. Ständig im Hinterkopf: Die Horrorgeschichten, die die Freundinnen über ihre Geburt erzählt haben. Viele Frauen fürchten sich vor einer natürlichen Geburt, der Trend geht vielleicht auch deshalb immer mehr zum Kaiserschnitt: In Deutschland kommt so heute jedes dritte Kind zur Welt.

Kaiserschnitt oder natürliche Geburt?
Kaiserschnitt oder natürliche Geburt? Eine Optimale Beratung nimmt Frauen die Angst vor einer Spontangeburt. © NiDerLander - Fotolia

Dabei birgt der Eingriff erhebliche Risiken - auch für das Baby. Prof. Dr. med. Louwen, Leiter der Geburts- und Pränatalmedizin an der Uniklinik Frankfurt, hat für uns im Interview die wichtigsten Fragen zum Thema beantwortet. Schwangerschaft oder natürliche Geburt - wir erklären Chancen und Risiken.

"Ärzte müssen den Frauen ihre Ängste nehmen"

Wann ist ein Kaiserschnitt medizinisch notwendig?

Professor Louwen: Dann, wenn die Gesundheit von Mutter und Kind durch eine normale Geburt beeinträchtigt würde. Also bei Fehlbildungen, wie offenem Bauch (Gastroschisis) oder Rücken (Spina bifida), Krankheiten, oder wenn das Kind durch den Mutterkuchen zu schlecht versorgt wird. Auch bei Mehrlingsgeburten und wenn das Becken der Frau zum Beispiel durch Unfälle verformt oder verändert ist, ist ein Kaiserschnitt vorzuziehen.

Was passiert während eines Kaiserschnitts?

Professor Louwen: Einen Querfinger über dem Schambein wird ein zehn bis elf Zentimeter langer Schnitt angesetzt. Der Schnitt geht durch Haut, darunter liegende Schichten bis zur Gebärmutter. Dann wird auch die Gebärmutter geöffnet, so dass das Kind geboren werden kann.

Ist er schonender für den Körper der Mutter?

Professor Louwen: Nein, das ist ein Irrglaube. Ein Kaiserschnitt birgt erhebliche Risiken für die Mutter. Im Vergleich zu einer natürlichen Geburt ist das Risiko für Gerinnungskomplikationen deutlich erhöht. Das heißt, es kommt viel häufiger zu starken Blutungen, Lungenembolien, Thrombosen und sogar Schlaganfällen. Zudem erhöht ein Kaiserschnitt die Risiken bei einer erneuten Schwangerschaft: So kann der Mutterkuchen in die Gebärmutterwand einwachsen (Anm. der Redaktion: Placenta accreta), die Gebärmutter kann reißen, im schlimmsten Fall muss sie in solchen Fällen entfernt werden. Auch die Wundschmerzen, mit denen manche Frauen noch Wochen nach dem Kaiserschnitt zu kämpfen haben, sollten nicht unterschätzt werden. Dass sich der Beckenboden einer Frau bei der natürlichen Geburt zwangsläufig absenkt, ist übrigens falsch. Dazu kommt es nur, wenn die Geburt beispielsweise in der zweiten Phase zu lange dauert oder anderweitige Komplikationen auftreten.

"Folgeschäden sind gravierender als gedacht"

Schwierige Entscheidung: Kaiserschnitt oder natürliche Geburt?
Schwierige Entscheidung: Kaiserschnitt oder natürliche Geburt? © Tatyana Gladskih - Fotolia

FZ: Welche Risiken birgt der Kaiserschnitt für das Kind?

Professor Louwen: Untersuchungen zeigen ganz klar, dass Kinder, die durch Kaiserschnitt zur Welt gekommen sind, ein höheres Risiko für Anpassungsstörungen haben. Das bedeutet, dass sie nach der Geburt zu niedrigen Blutdruck oder Atmungsstörungen haben und im schlimmsten Fall intubiert oder künstlich beatmet werden müssen.

Die Erklärung für diese Anpassungsschwierigkeiten ist simpel: Stellen Sie sich vor, Sie werden mitten in der Nacht geweckt und sollen sofort Aufgaben lösen, mit denen Sie nie zuvor konfrontiert waren. So ähnlich ist das bei einem Kaiserschnitt: Das Kind wird geholt, ohne, dass es sich vorher darauf vorbereiten kann und soll dann sofort funktionieren und wissen, wie man atmet. Experten nennen diese Kinder „Floppy Infants“: Sie sind nach der Geburt schlapp und schwach. Bei einer natürlichen Geburt ist das anders: Da schüttet die Mutter bestimmte Stoffe wie Adrenalin aus, die das Baby sanft auf die bevorstehende Geburt vorbereiten.

Die Folgerisiken eines Kaiserschnitt sind zudem gravierender, als bisher angenommen: Mehrere Studien zeigen ein deutlich erhöhtes Risiko für Kaiserschnitt-Kinder, in späteren Jahren an Asthma, Infektionskrankheiten oder Diabetes zu erkranken. Um die Risiken zu minimieren empfiehlt es sich, einen Kaiserschnitt – sofern er denn medizinisch notwendig ist - erst zum Ende der Schwangerschaft, also in der 40. Schwangerschaftswoche, durchzuführen. Viele Kliniken holen die Kinder aber schon in der 38. Woche.

Warum geht der Trend zum Kaiserschnitt?

FZ: Trotz der Risiken wird in Deutschland fast jedes dritte Kind per Kaiserschnitt geholt...

Professor Louwen: ...Tendenz steigend. Das liegt einerseits daran, dass viele Frauen, die schon einen Kaiserschnitt hatten, bei einer erneuten Schwangerschaft wieder einen Kaiserschnitt bekommen. Außerdem ist die Sache für beide Seiten sehr bequem: Die Eltern legen gemeinsam den Tag für die Entbindung fest, die gefürchtete Fahrt im Krankenwagen ganz allein und mitten in der Nacht entfällt und die Ärzte können den Termin arbeitszeitfreundlich legen.

Aber es hat auch juristische und ökonomische Ursachen: Juristische zum einen, weil die Gefahr, verklagt zu werden, höher ist, wenn bei einer natürlichen Geburt Komplikationen auftreten. Ökonomisch zum anderen, weil die Krankenkassen fast doppelt so viel Geld für einen Kaiserschnitt bezahlen, als für eine natürliche Geburt (Anm. der Redaktion: Die Pauschale für einen Kaiserschnitt liegt nach Angaben des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherungen bei durchschnittlich 2600 Euro). Damit will ich nicht sagen, dass Ärzte einen Kaiserschnitt machen, weil sie damit mehr Geld verdienen – davon profitieren ja eher die Kliniken. Aber sicherlich kann man feststellen, dass nicht medizinische Gründe allein der Grund für die kontinuierlich steigende Sectio-Rate sind.

"Rückenlage erhöht das Risiko für Komplikationen"

Kaiserschnitt vs. Spontangeburt: Viele Frauen sind unsicher
Kaiserschnitt vs. Spontangeburt: Viele Frauen sind unsicher

FZ: Welche Risiken gibt es bei einer normalen Geburt?

Professor Louwen: Generell gilt: Wenn der Geburtsfortschritt professionell überwacht wird, und eine optimale Geburtsbegleitung erfolgt, dann treten deutlich seltener Komplikationen auf. Wir an der Uniklinik Frankfurt empfehlen den Frauen, ihr Kind in der Hocke, Seitenlage oder im Vierfüßlerstand zur Welt zu bringen. Der Grund dafür ist, dass eine Geburt in Rückenlage das Risiko für Komplikationen erhöht. Zum Beispiel ist die Gefahr größer, dass das Baby falsch herum in den Geburtskanal kommt – diese Kinder nennt man übrigens auch „Sterngucker“. Das klingt zwar süß, ist aber äußerst riskant. Bei jeder dritten Geburt passiert es, dass sich die Nabelschnur um den Kopf des Kindes wickelt. Das ist eigentlich unproblematisch. Aber wenn sich die Nabelschnur um den Kopf gewickelt hat und damit zu kurz ist, sollte ein Kaiserschnitt gemacht werden. Das gilt auch, wenn der Geburtskanal der Mutter zu eng sind.

FZ: Können Mehrlinge nur per Kaiserschnitt auf die Welt kommen?

Professor Louwen: Zwillinge können ohne Probleme durch eine natürliche Geburt zur Welt kommen. Wenn mehr Kinder geboren werden, also Drillings- oder Vierlingsgeburten, empfiehlt sich in der Regel ein Kaiserschnitt.

"Wunschkaiserschnitt? Gibt es nicht!"

FZ: Können Frauen nach dem Kaiserschnitt noch natürlich gebären?

Professor Louwen: Ja, und das ist auch in vielen Fällen durchaus zu empfehlen! Wenn ein weiterer Kaiserschnitt vorgenommen wird, dann sind die damit verbundenen Risiken, wie Blutungen und Verletzungen, noch einmal deutlich erhöht. Die Gefahr, dass die alten Kaiserschnittnarben bei einer späteren natürlichen Geburt wieder aufplatzen, ist auch abhängig von der OP-Technik. Wurde die Gebärmutter mit einem Querschnitt geöffnet, ist die Gefahr gering, wurde sie dagegen läng geöffnet, ist das Risiko besonders hoch.

Was sagen Sie Frauen, die aus Angst eine Wunschsectio vornehmen lassen wollen?

Eine Wunschsectio ohne medizinische Gründe kann es nicht geben! Schließlich wissen wir, dass es bei einem Kaiserschnitt mehr Risiken gibt, als bei einer natürlichen Geburt. Und welche Frau wünscht sich schon mehr Risiken? In den meisten Fällen sind die Frauen, die solche Wünsche äußern, nicht richtig aufgeklärt oder haben von Freundinnen, bei denen die Geburt nicht komplikationslos abgelaufen ist, Geschichten gehört, die sie abschrecken. Ich habe natürlich auch schon Fälle erlebt, in denen Frauen in die Klinik gekommen sind und überzeugt waren, einen Kaiserschnitt machen lassen zu wollen - obwohl das medizinisch gar nicht notwendig oder sogar relativ kontraindiziert war. Dann haben wir uns mit diesen Frauen zusammengesetzt und ihnen genau erklärt, welche Risiken ein Kaiserschnitt und eine vaginale Geburt bergen und wie eine natürliche Geburt abläuft. Es ist die Pflicht der Ärzte, den Frauen ihre Ängste durch gute Beratung und Aufklärung zu nehmen um zu einer gut informierten Entscheidung zu kommen.

Herzlichen Dank für das Interview!

(Interview: Christina Rings)

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