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'Jungsheft': Das Pornoheft von Frauen für Frauen

'Jungsheft': Das Pornoheft von Frauen für Frauen
Nicole Rüdiger: "Ich nenne es lieber 'Ü20-Bravo'

Hier zeigen Männer alles

Wollen sich Frauen in Zeitschriften nackte Männer von nebenan anschauen? Nicole Rüdiger sagt ja! Nur gibt es die so gut wie gar nicht und genau das sollte sich ändern. Seit 2005 bringen Nicole und ihre Freundin Elke Kuhlen ein Pornoheft für Frauen heraus. Das Magazin, auch 'Ü20-Bravo' genannt, zeigt nackte Männer mit Erektion - ganz ohne digitale Nachbearbeitung, und behandelt Themen, über die sich sonst keiner traut zu schreiben. Im Interview mit 'Frauenzimmer.de' verrät Nicole, was 'Jungsheft' von (anderen) Pornoheften unterscheidet und warum die Gesellschaft prüder ist als sie vorgibt zu sein.

FZ: Wie bist du auf die Idee gekommen eine Porno-Zeitschrift für Frauen zu machen?

Nicole Rüdiger: Es war wirklich eine Schnapsidee. Als Elke und ich im Urlaub waren, haben wir uns gefragt: Warum kann man die Jungs, die wir gut finden, eigentlich nie nackt sehen? Aber irgendwann haben wir uns überlegt, die Leute mal zu fragen, die wir kennen und gerne mal nackt sehen wollen. Das hat natürlich niemand gemacht. Darum hat es ziemlich lange gedauert bis wir die Ersten zusammen hatten. Ein dreiviertel Jahr später kam dann das erste Heft raus.

FZ: Was unterscheidet euch von anderen Pornoheften?

Nicole Rüdiger: Wir müssen es Porno nennen, weil die Jungs eine Erektion von über 45 Grad haben und das ist in Deutschland harte Pornografie. Bei einem echten Porno-Magazin gibt es Interaktion, die wir niemals zeigen werden und auch nicht zeigen wollen. Die sind da viel expliziter. Bei uns sieht man nur nackte Männer.

FZ: Du würdest es also gar nicht als Porno bezeichnen.

Nicole Rüdiger: Also, wenn wir es nicht müssten, würden wir es ganz bestimmt nicht so nennen. Das geht in eine völlig falsche Richtung. Es ist eher sowas wie die Ü20-Bravo.

FZ: Wie stehst du zu anderen Porno-Zeitschriften?

Nicole Rüdiger: Das ist nicht so meins. Da sieht man Männer, die ich persönlich nicht schön finde. Deswegen interessiert mich das einfach nicht. Aber es ist okay, wenn es dafür eine Nische gibt.

FZ: Wie hat dein Umfeld reagiert, als du gesagt hast, dass du so eine Zeitschrift herausbringst?

Nicole Rüdiger: Das war ganz unterschiedlich. Von "total super" bis hin zu "das braucht wirklich kein Mensch". Aber ich sage ja auch nicht: "Hallo, ich bin Nicole Rüdiger und mache ein Porno-Magazin." Das weckt natürlich gewisse Assoziationen, die ich nicht bedienen kann. Wir sehen uns überhaupt nicht in dieser Branche verwurzelt. Ich mache das und ich stehe dazu, aber ich gehe damit nicht permanent hausieren.

FZ: Wie findet ihr die Leute, die sich für das Heft ausziehen?

Nicole Rüdiger: Das läuft mittlerweile ausschließlich über Bewerbung. Wir haben keine riesige Auswahl, aber es gibt Leute, die uns schreiben, dass sie das gerne machen würden. Wir kennen die Leute meistens gar nicht.

FZ: Nach welchen Kriterien sucht ihr euch die Männer aus?

Nicole Rüdiger: Wir gucken immer, dass der Gesamteindruck passt. Es sind oft Fotos dabei, die ich überhaupt nicht gut finde. Aber im Kontext mit den anderen Foto-Strecken passt das dann doch ganz gut. Aber es ist jetzt nicht so, dass wir Maß nehmen und sagen: Der Schwanz ist zu groß oder zu klein. Die Männer müssen nur wissen, dass sie zuerst angezogen, dann nackt und am Schluss eine Erektion haben.

FZ: Die Models werden ja nicht bezahlt. Was glaubst du, ist die Hauptmotivation?

Nicole Rüdiger: Ich glaube, das ist für die Männer ist es eine Art Mutprobe und natürlich haben sie ein riesengroßes Selbstbewusstsein. Das ist ja auch das Bewundernswerte, weil bei uns ja nichts beschönigt wird. Es gibt kein Photoshop, keine Ausleuchtung, gar nichts. Jeder in unserem Heft sieht genau so aus. Das ist auch das Besondere daran.

FZ: Welches Männerbild ist in dem Magazin vertreten?

Nicole Rüdiger: Es sind schon eher jüngere Männer, die kein besonderes Schönheitsideal verkörpern. Sie sind weder extrem muskulös noch besonders schlank. Es ist eigentlich alles dabei.

FZ: Welche Zielgruppe spricht das Heft deiner Meinung nach an?

Nicole Rüdiger: Unsere Zielgruppe fängt bei 18 an und hört in der Regel bei 35-40 auf.

FZ: Wieviel von deinem eigenen Geschmack und deinen eigenen Vorlieben bringst du in das Heft ein?

Nicole Rüdiger: Die lasse ich ganz außen vor. Ich muss schauen, was wir haben und was reinpasst. Meinen Geschmack und meine Wünsche bringe ich bei den Themen ein, über die ich gerne mehr erfahren würde.

"Die Leute werden immer prüder"

FZ: Wie kommt ihr denn auf die Themen? Setzt ihr euch da zusammen?

Nicole Rüdiger: Genau. Das kommt in Gesprächen mit Freundinnen zusammen oder es sind Sachen, die man so mitbekommt. Es gibt halt Themen, die ich in anderen Zeitschriften nicht finde. Dann bin ich immer dankbar, wenn wir jemanden haben, der darüber schreiben möchte.

FZ: Fällt dir da spontan etwas ein, was in anderen Zeitschriften gar nicht angesprochen wird?

Nicole Rüdiger: Zum Beispiel weibliche Ejakulation oder weiblichen Ausfluss. Jede Frau hat ihn, aber keine spricht drüber.

FZ: Warum gibt es so wenige Sex-Zeitschriften für Frauen?

Nicole Rüdiger: Es gibt ja ganz viele Zeitschriften, die darüber schreiben, wie man zur Sex-Göttin wird oder was Männer wollen. Die gibt es zu Hauf und scheinbar will ein großer Teil von Frauen das auch lesen. Ich habe mich oft gefragt, warum so viel darüber geschrieben wird, was Männer vermeintlich wollen. Das hat mich irgendwie extrem gefrustet, weil ich finde, dass es da auch einen anderen Ansatz geben muss. Was gefällt mir? Was will ich lesen? Das finde ich viel wichtiger als immer nur die Klischees in den Frauenmagazinen zu bedienen. Das ist auch der große Unterschied. Wir wollen ein anderes Frauenbild vermitteln und zeigen, dass es auch ein normales Schönheitsideal geben kann.

FZ: Männer schauen sich Porno-Zeitschriften an, um sich sexuell zu stimulieren. Haben Frauen da die gleiche Motivation?

Nicole Rüdiger: Das fragen Elke und ich uns auch immer. Wir wissen es ehrlich gesagt nicht. Es gibt keine Magazine für Frauen, wo Männer nackt zu sehen sind. In der Werbung oder in Filmen ist es selten, dass man mal Schwänze sieht, und wenn, dann nie im erigierten Zustand – selbst in einem nicht pornografischen Kontext. Das hat viel mit Voyeurismus zu tun, weil nackte Brüste und Muschis gibt es überall zu sehen, das ist wirklich nichts Besonderes mehr.

FZ: Warum finden wir Frauenkörper oft ästhetischer? Woran liegt das?

Nicole Rüdiger: Vielleicht sind wir Frauenkörper auch eher gewöhnt oder die Gesellschaft ist noch nicht so weit zu sagen: Das gefällt mir!

FZ: Von den Medien wird man ja täglich mit Sex überflutet. Was glaubst du macht das mit uns? Sind wir übersexualisiert?

Nicole Rüdiger: Ja, ich glaube, dass die Leute letzten Endes immer prüder werden. Es gibt zwar ein extremes Angebot, aber keiner weiß damit umzugehen. Vielleicht pendelt sich das irgendwann wieder ein. Das ist eigentlich schade. Denn es heißt immer, jeder kann immer und überall über Sex reden, aber wenn es drauf ankommt, geht es dann doch nicht…

FZ: Vielen Dank für das Gespräch!

(Das Jungsheft gibt es in ausgewählten Geschäften zu kaufen oder kann online auf www.jungsheft.de bestellt werden.)

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