Julia Timoschenko: Welche Rolle spielt sie in der Ukraine?

Julia Timoschenko: Welche Rolle spielt sie in der Ukraine?
© dpa, Sergey Dolzhenko

Oppositionsführerin Timoschenko ist zurück

Die Proteste in der Ukraine – mit einem Fingerschnipp hat es eine Frau geschafft, sie zumindest oberflächlich auf ihre eigene Person zu fokussieren: Julia Timoschenko. Im Zusammenhang mit wohl kaum einer anderen Politikerin fällt so oft das Wort „umstritten“ wie mit Timoschenko. Und dennoch spielt sie eine wichtige Rolle in diesem krisengebeutelten Land. Welche Rolle es sein wird – noch umstritten. Vielleicht wird sie im Mai die neue Präsidentin. Vielleicht überlässt die Machtbewusste diesen Job aber auch „den Politikern“. Vielleicht will das Volk sie auch gar nicht. Denn die Frau mit den westlichen Designer-Klamotten und dem bäuerlichen Zopf-Frisur hat nicht nur Fans.

Von Ursula Willimsky

Wer ist diese Frau, die jeder auch nur mäßig politisch Interessierte sofort erkennt? Allein schon, weil sie sich rein äußerlich zu einer unverwechselbaren Ikone der Ukraine stilisierte?

Es gibt zwei Timoschenkos: Die eine ist die blonde, politisch engagierte Frau mit der Flechtfrisur, die sich kämpferisch zeigt (wofür sie kämpft, ist nicht immer unumstritten. Je nach Couleur des Betrachters geht es ihr um Macht, Geld, oder das Wohl des Landes). Die andere Timoschenko war dunkelhaarig. Angeblich hineingeboren in eher einfache Verhältnisse, bei einer alleinerziehenden Mutter in einem Plattenbau aufgewachsen.

Die kleine Julia wurde eine gute Schülerin, später studierte sie Wirtschaftswissenschaften. Und wurde sehr, sehr reich. Den Grundstock ihres Imperiums, das sie zusammen mit ihrem Mann aufbaute, bildete ein Videoverleih. Energie- und Erdgas-Geschäfte kamen hinzu. Auf älteren Aufnahmen ist sie zu sehen, wie sie mit langen dunklen Haaren ihrem Privatjet entsteigt, um irgendwo ein neues Geschäft einzufädeln.

Eine schwerreiche Frau. In einem armen Land. Das Pro-Kopf-Einkommen des vergleichsweise armen EU-Staates Polen war im Jahr 2005 immer noch mehr als doppelt so hoch wie das der Ukraine, hat die Bundeszentrale für politische Bildung errechnet. Zudem sei es für viele ukrainische Bürgerinnen und Bürger schwer, einen Job zu finden, obwohl die offizielle Arbeitslosenrate vergleichsweise niedrig ist (neun Prozent im Jahre 2003, nach Standards der International Labour Organisation).

Die Weltbank stuft das Land mit seinem 3.800 Dollar Pro-Kopf-Einkommen als "lower middle income"-Land ein. In den Jahren bis zu Beginn der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 konnte die Armutsrate zwar deutlich gesenkt werden – aber nach wie vor gibt es ein starkes Einkommensgefälle zwischen der Hauptstadt Kiew und den übrigen Landesteilen. Und das Auswärtige Amt gibt zu bedenken, dass „wichtige Reformen wegen der innenpolitischen Instabilität und aufgrund der stark von wirtschaftlichen Einzelinteressen geleiteten Politik lange nicht in Angriff genommen“ wurden. Einige Presseberichte sprechen davon, dass es nahezu unmöglich ist, in diesem Land zum Beispiel von einem Gehalt als Lehrerin überhaupt zu leben. Die Folge: Viele Ukrainer wandern aus.

Ist Julia Timoschenko die neue Galionsfigur

Im Grunde genommen haben ohnehin nur wenige Menschen ein konkretes Bild der Ukraine. Und oft wird dieses Bild von einer Überschrift beherrscht: Prostitution. Oder Menschenhandel. Das Land mit der angeblich höchsten HIV-Rate Europas gilt manchen als Bordell – eine Wahrnehmung, gegen die Frauenverbände unter anderem bei der Fußball-EM protestierten. Wer auf der Suche nach Informationen über die Lebenssituation von Frauen in Suchmaschinen die Begriffe „Ukraine“ und „Frau“ eingibt, bekommt wenige politische Hintergrundinformationen. Dafür jede Menge Adressen von Partnervermittlungen, die deutsche Männer mit Frauen aus diesem Land zusammenbringen wollen.

Ob sich die Lage der Frauen mit dem Umbruch ändern wird – niemand weiß es. Das Land bewegt sich auf eine Wirtschaftskrise zu. Beobachter fürchten, dass es auseinander brechen könnte in einen westlichen Teil und einen östlichen Teil, der sich eher an Russland orientiert.

Und auch die Opposition könnte auseinander brechen. Ist Julia Timoschenko ihre neue Galionsfigur? Oder die Geschäfts- und Machtfrau, die zurückkehrt aus ihrer umstrittenen Gefängnishaft?

Die 53-jährige Mutter war selbst einmal Teil der Clique um Janukowitsch. Sie hat sich mit ihrem ehemaligen Mitstreiter Juschtschenko bekriegt, bis die eigentliche Politik völlig ins Hintertreffen geraten zu sein schien. Aktuell distanziert sie sich von „den Politikern“. Und scheint doch genau dort ihren neuen, alten Platz zu suchen: in der Politik. Wo sie bereits viele Erfahrungen gesammelt hat – die nicht immer unumstritten waren.

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