Julia Timoschenko protestiert mit Hungerstreik gegen Haftbedingungen

Timoschenko ist in der Frauenanstalt von Charkiw untergebracht
Hier in der Frauenhaftanstalt von Charkiw ist die ehemalige ukrainische Regierungschefin Julia Timoschenko untergebracht. © dpa, Andrew Kravchenko

"Die letzten Minuten meines Lebens"

"Die Welt zu Gast bei Freunden", lautete das offizielle Motto der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Fast genau sechs Jahre später sind deutsche Fußballfans zu Gast in der Ukraine, um dort die Spiele der DFB-Elf bei der Europameisterschaft zu verfolgen. Zu Gast in einem Land, in dem Oppositionspolitiker verfolgt, weggesperrt und in der Haft misshandelt werden. In Charkiw – wo die DFB-Kicker am 13. Juni ihr zweites EM-Vorrundenspiel gegen die Niederlanden bestreiten – sitzt die ehemalige ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko im Frauengefängnis. Ob die schwerkranke 51-Jährige bis dahin noch lebt, ist mehr als fraglich. Seit dem 20. April nimmt sie keine Nahrung mehr zu sich. Sie wolle damit gegen die gewaltsame Behandlung durch ihre Gefängniswächter protestieren, sagte ihr Anwalt Sergej Wlassenko.

"Sie näherten sich meinem Bett, breiteten ein Laken über mir aus und begannen, mich vom Bett zu ziehen. Dabei wandten sie brutale physische Gewalt an", sagte Timoschenko laut einer Erklärung, die von Wlassenko vor Reportern vorgelesen wurde. "Ich begann mich so gut es ging zu wehren und erhielt einen Schlag in den Unterleib." Sie sei von insgesamt drei Wachleuten angegriffen worden. "Sie verdrehten meine Arme, hoben mich an und schleppten mich in eine Decke gewickelt nach draußen. Ich

dachte, dies sind die letzten Minuten meines Lebens."

Timoschenko misstraut einheimischen Ärzten

Die Staatsanwaltschaft bestritt, dass Timoschenko geschlagen wurde, räumte aber die Anwendung von physischer Gewalt ein. Sie habe sich aufs Bett gelegt und sich geweigert mitzukommen, zitierte die Agentur Interfax den Staatsanwalt Henadi Tjurin. Das Gefängnis ließ die Oppositionspolitikerin in ein staatliches Krankenhaus der Stadt Charkiw bringen, weil sie seit Wochen an starken Rückenschmerzen leidet.

Ärzte der Berliner Charité hatten Timoschenko vor kurzem untersucht und als sehr krank bezeichnet. Trotzdem lehnte die 51-Jährige jegliche Behandlung durch einheimische Ärzte ab. Kein Wunder. Die Liste ungewöhnlicher Krankheitsfälle ukrainischer Oppositionspolitiker ist lang: Ihr ehemaliger Innenminister Juri Luzenko kehrte mit einer Leberentzündung aus der Haft zurück. Viktor Juschtschenko, Timoschenkos Mitstreiter bei der orangenen Revolution, wurde mit Dioxin vergiftet.

Ungeachtet internationaler Proteste begann vergangene Woche ein neuer Prozess gegen Timoschenko, die bereits eine siebenjährige Haftstrafe absitzt. Dabei werden ihr Steuerhinterziehung und Betrug in ihrer Zeit als Chefin der Gasfirma UES in den 1990er Jahren vorgeworfen. Außerdem geht die Staatsanwaltschaft dem Vorwurf nach, Timoschenko sei in den Auftragsmord an einem einflussreichen Unternehmer und Abgeordneten verwickelt. Sie bestreitet alle Vorwürfe und hat erklärt, der Prozess sei politisch motiviert, um die Opposition gegen den ukrainischen Präsident Viktor Janukowitsch unter Druck zu setzen.

Außenminister Guido Westerwelle sagte in Berlin, er sei in tiefer Sorge über den Gesundheitszustand und den angekündigten Hungerstreik von Timoschenko. "Wir werden gegenüber den ukrainischen Behörden weiter darauf dringen, dass Frau Timoschenko endlich eine adäquate medizinische Behandlung erhält", betonte er. Es sind noch sechs Wochen bis zum Eröffnungsspiel der EM in Polen und der Ukraine. Für Julia Timoschenko könnte das Spiel noch vor dem Anpfiff zu Ende sein.

Anzeige