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Julia: alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern

Single Mom Julia ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern
Single Mom Julia ist alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern © Monkey Business - Fotolia, Monkey Business Images

Alleinerziehend und trotzdem glücklich!

Vier Stunden Schlaf. Viel mehr ist für Julia momentan einfach nicht drin. "Du kannst nie auf Standby gehen als Alleinerziehende", sagt die 34-Jährige. Vor gut vier Monaten hat sie sich von ihrem Mann getrennt und lebt seitdem mit ihren beiden kleinen Töchtern allein. Doch das bedeutet für sie mitnichten das Ende der Welt. Julia ist optimistisch und sagt, sie hätte sich schon viel früher zu der Trennung durchringen sollen. Die zierliche kleine Frau ist ein echtes Powerpaket. Lebensfreude und positives Denken sind zwei der wichtigsten Tugenden in ihrem Alltag.

Von Kathrin Pleiss

Alleinerziehend. Damit hat man fast automatisch negative Assoziationen: Verlassen worden, Geldnot, Überforderung, Stress - sprich: den puren Horror. Doch wenn man dann Julia sieht, wirft man diese Vorurteile schnell wieder über Bord. Die 34-Jährige und ihr Ehemann Markus haben sich vor gut vier Monaten endgültig getrennt. Neun Jahre Ehe waren genug. Julia ist ausgezogen und hat ihre beiden kleinen Töchter gleich mitgenommen. Ländliches Familienidyll ade. 140 Quadratmeter am Niederrhein gegen 50 in der Großstadt getauscht. Ratlos oder verzweifelt wirkt Julia deswegen aber überhaupt nicht. Im Gegenteil: "Es geht mir gut", strahlt sie. "Die Wohnung ist zwar nicht groß, aber es ist meine." Megan (5) und Soey (3) teilen sich ein Kinderzimmer, Mama schläft auf dem Sofa im Wohnzimmer.

Das Ende ihrer Ehe mit Markus (36) hat Julia nicht gebrochen. Auf der Ausziehcouch sitzt kein Häufchen Elend, das mit seinem schlimmen Schicksal hadert. Die 34-Jährige wirkt vielmehr befreit und gelöst. "Er hat mir den Lebenssaft abgedreht", berichtet sie, "Er war einfach zu schwach für mich. Ein sehr ängstlicher Mensch und nicht verlässlich. Typ Coach Potatoe, der meinen Aktivismus gebremst hat. Das Einzige, was für ihn okay ist, ist Sofa und einkaufen. Mein Motto ist aber ’Life is beautiful’."

Mama und Papa mögen sich - aber lieben sich nicht

Direkt nach der Trennung war Julia nach eigenen Angaben "sehr tränenlastig". In dieser Phase standen ihr Freundinnen und die Mutter zur Seite. Nach fünf Tagen waren die Tränen wieder getrocknet. Obwohl die Nachricht von der Trennung der Eltern zunächst ein Schock für die älteste Tochter gewesen ist ("Sie hat geschrien und geweint"), haben beide Kinder die Situation mittlerweile gut verkraftet. Julia hat ihnen erklärt, dass Papa und Mama sich zwar noch mögen, aber nicht mehr lieben. Die Kinder verlieren nichts, sie gewinnen nur ein zusätzliches Zuhause, sagt sie.

Und was hat sich für Julia nach der Trennung geändert? Als "Draußen-Mensch" vermisst sie ihren Garten und ihre Dunstabzugshaube - die mit dem "vernünftigen Abzugsrohr nach draußen". Was ist mit männlichem Beistand im Alltag? Julia lacht. "Ich war der Beschützer, ich habe das Geld verdient - diesbezüglich ändert sich für mich nichts." Markus kann jederzeit vorbei kommen. Rund 70 Kilometer Autofahrt um seine Töchter sehen zu können - er muss sich nur vorher anmelden. Oft kommt das allerdings nicht vor. Für Julia ist das nichts Neues. Markus habe nie richtig am Familienleben teil genommen. Er war zwar immer da - aber ohne wirklich da zu sein. "Meine Töchter und ich waren schon immer irgendwie unser eigener Mikrokosmos."

Julia verteufelt ihren Ex-Mann nicht, trotzdem ist sie froh über die Trennung. Lange hat sie für die Beziehung gekämpft - das Paar ging sogar zur Eheberatung. "Ich hatte den unbedingten Wunsch, dass es klappt. Aber zum ersten Mal im Leben hat mein Wille nicht ausgereicht. Markus ist kein schlechter Mensch – er ist nur einfach nicht meiner", erklärt Julia. Mit all ihrer Kraft bemühe sie sich jetzt um ein "gutes Betriebsklima": "Für die Mädchen ist Markus immer der ’Schnuckel-Papa’ - egal wie ich zu ihm stehe", sagt sie. Markus und sie gehen nett miteinander um. Julia versucht Streitigkeiten zu vermeiden und eine Sache ist ihr besonders wichtig: "Ich will nicht, dass er vor den Kindern schlecht von mir redet." Bis jetzt hat ihre Strategie funktioniert.

Mama braucht auch mal Ruhe

Julia ist alleinerziehende Mutter
Single Mom Julia ist alleinerziehende Mutter © Fotolia

Jedes zweite Wochenende haben Megan und Soey Papa-Wochenende. Als die Trennung gerade frisch war, hat Julia noch versucht, etwas gemeinsam mit ihrem Mann und den Kindern zu machen, bevor Markus die Mädchen mitnimmt. Kaffeetrinken, Basteln oder so. Aber das hat nur zu Streit geführt. "Es kostet mich zuviel Kraft, weil er aus Hilflosigkeit oft viel meckert", sagt Julia. Und mit ihren Kräften muss die 34-Jährige nach der Trennung noch mehr haushalten als zuvor. Früher konnte sie sich mal für fünf Minuten zurück ziehen, aber diese Zeiten sind seit vier Monaten vorbei. "Es gibt keine Gnade. Spielen, kochen, putzen, einkaufen – ich muss das Leben jetzt anders organisieren. Du kannst nie auf Standby gehen als Alleinerziehende", sagt Julia.

Sie versucht ihren Kindern gerade so etwas wie Mittagsruhe beizubringen. Aber das gestaltet sich schwierig. Die dreijährige Soey hält nämlich seit Kurzem keinen Mittagsschlaf mehr. Und dass sie nach dem Essen mit ihrer Schwester allein im Kinderzimmer spielen soll, versteht die Dreijährige noch nicht so ganz. Mama braucht eben auch mal ihre Ruhe. Denn der Tag beginnt für die drei Damen bereits um sieben Uhr morgens. Das erste Problem lässt dann nicht lange auf sich warten. "Die Kinder wollen sich nicht anziehen, weil sie lieber spielen wollen", erklärt Julia. Nach dem Frühstück geht’s ab auf den Spielplatz. Dann Mittagessen. "Nachmittags machen wir dann auch noch irgendwas Schönes." Oft zelebriert das Frauen-Trio seinen ganz eigenen "Kaffee-Klatsch". Eine kleine Party mit bunten Servietten, Spaß und Keksen. Nach dem Abendbrot steckt Julia ihre Töchter gegen 19 Uhr ins Bett. Jede bekommt ihre eigene Gute-Nacht-Geschichte. Dann singen die drei ein Lied, sprechen ein Gebet und dann noch ein Lied.

Der Umgang mit der Zukunftsangst

Wenn Megan und Soey schlafen, ist Mamas Job allerdings noch nicht beendet. Oft steht noch Wäsche machen, Brotbacken ("Ich steh auf Öko") oder Bügeln auf Julias Tagesordnung. Als Belastung empfindet die Alleinerziehende das aber nicht. "Nach sieben Uhr kann ich auftanken. Allerdings habe ich seit vier Monaten abends keinen Film mehr geguckt und nur drei, vier Mal gelesen." Durchschnittlich vier Stunden Schlaf kriegt Julia pro Nacht. Wenn ihr Tagwerk vollbracht ist, telefoniert sie viel mit Freundinnen. Oder sie kümmert sich um ihre Weiterbildung – etwas im Gesundheitsbereich würde Julia gerne machen.

Eigentlich ist sie studierte Sprachlehrerin. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie sogar eine eigene Logopädie-Schule betrieben. Diese wird allerdings in einigen Tagen für immer die Türen schließen. Ein bisschen wehmütig macht es Julia schon: "Mein Baby stirbt. Aber das ist okay." Unterhalt kann ihr Ex-Mann nicht zahlen. Momentan lebt Julia deswegen vom Kindergeld. Ihre Eltern finanzieren die neue Wohnung und ab und zu gibt sie noch Sprachunterricht. Viel Geld kommt damit nicht rein. Aber: "Zurzeit kann ich mich nicht um einen regelmäßigen Job kümmern. Erst müssen die Kinder ihren Kindergartenplatz haben", erklärt Julia. Den bekommen sie erst in drei Monaten.

"Ich lebe nur im Jetzt. Das ist für mich jetzt hilfreich", sagt Julia. Aber in seltenen stillen Momenten denkt sie trotzdem manchmal an das, was alles noch kommt. Dass ihre Familie nicht dauerhaft auf 50 Quadratmetern leben kann, ist ihr klar: "Mein Leben besteht aus Fragezeichen. Wo willst du leben? Wovon willst du Leben? In welche Schule sollen die Kinder mal gehen? Wo will ich überhaupt hin?" Dann ist sie doch plötzlich da: die Zukunftsangst. Megan würde zum Beispiel gerne Ballett machen und schwimmen lernen. "Wie ich das finanziell auf die Reihe kriegen soll, weiß ich noch gar nicht. Ballettkleid, Schuhe und so." Aber Julia glaubt fest daran, dass positives Denken und Handeln sie und ihre beiden Mädchen dahin bringen, wo sie hingehören. Life is eben beautiful und man kriegt, was man verdient. Daran hat Julia keine Zweifel. Und wenn man sie und ihren Optimismus erlebt hat, kommt einem ihre folgende Aussage auch gar nicht mehr so naiv vor: "Ich denke, dass der richtige Job mich finden wird!" Und wenn es soweit ist, dann klappt’s auch mit den Ballettschuhen für Megan.

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