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Jugendroman von Jana Crämer: Über Träume, die Liebe zur Musik und Binge Eating

Buchrezension über Jana Crämers 'Das Mädchen aus der 1. Reihe'

Der Jugendroman 'Das Mädchen aus der 1. Reihe' von Jana Crämer behandelt ein sehr sensibles Thema. Es handelt vom Leben der Autorin. Ein autobiografisches Stück, das das Schweigen rund um ein Tabuthema bricht.

von Jessica Sobetzko

Die Hauptfigur Lea sieht sich selbst als "dickes Monster": „Ich erinnere mich, als ich mich das letzte Mal in dem großen Spiegel an meinem Kleiderschrank betrachtet hatte, an den schwabbeligen Bauch, die tieffurchige Orangenhaut und meine hängenden Brüste.“ All ihre Gedanken kreisen ununterbrochen um ihre Figur, Essen und Diäten. Immer wieder hungert sie tagelang, um im nächsten Moment stundenlang unkontrolliert ungesunde und süße Lebensmittel zu verschlingen. In diesen Strudel gerät sie immer wieder und nimmt bei jeder ihrer Fressattacken zu. Die Essstörung, an der Lea leidet, nennt sich nämlich ‚Binge Eating‘.

Die heranwachsende junge Frau kann sich nur dann frei fühlen, wenn sie mit ihrer besten Freundin Jule die Konzerte ihrer Lieblingsband besucht. Die beiden Teenager verfolgen die Band auf Schritt und Tritt. Eine neue Leidenschaft wächst in Lea heran. Während sie Zeit mit der Band verbringt, blüht sie auf, vergisst ihre Probleme und fühlt sich als vollwertiger Mensch. Sorgenfrei und gedankenlos lauscht sie der Musik und der Stimme des Frontsängers. Nicht nur die Musik der Band versetzt Lea in eine andere Welt. Auch der gutaussehende Sänger der Band hat es ihr angetan. Als sie ihn zum ersten Mal sieht, vergleicht sie seine Stimme mit der „wohligen Wärme eines prasselnden Kaminfeuers, aus dem lodernde, kleine Funken sprühen.“ Umso erstaunter ist sie, dass auch er sie anziehend findet. Eine Liebesgeschichte entwickelt sich zwischen beiden, die alles andere als gewöhnlich ist. Denn auch der Frontsänger Ben hat ein Geheimnis. Gemeinsam unterstützen sie sich bis beide schließlich völlig sie selbst sind und sich nicht mehr voreinander verstecken müssen.

Jana Crämer greift im Jugendroman 'Das Mädchen aus der 1. Reihe' ein sehr schwieriges Problem auf und unterstreicht damit die Dringlichkeit offen mit dem Thema ‚Essstörungen‘ umzugehen. Das Chaos um die Figur von Lea bereitet ihr Höhenflüge und Abgründe, die auf intensive und lebensnahe Art und Weise dargestellt werden. Schnell taucht der Leser in die zerrüttete Gefühlswelt der Hauptfigur ein und begleitet die Protagonistin mit Mitgefühl. Schonungslos ehrlich und überraschend tiefgründig formt Jana Crämer einen jungen authentischen Menschen, der mithilfe ihrer Gedanken und Empfindungen beim Leser auf Verständnis stößt. Immer wieder fühlt der Leser sich in Lea hineinversetzt und verspürt das Bedürfnis, ihr zu helfen.

Mit einer gewissen Prise an Witz, Selbstironie und Tragik gewährt Jana Crämer Einblick in das Leben von Lea, die so viel sensibler und dünnheutiger ist, als sie vorgibt zu sein. Ständig plagen sie Selbstzweifel und Fragen. Nie verliert sie ein nettes Wort über sich selbst oder sieht sich als der Mensch, der sie wirklich ist. Dabei wirkt sie auf den Leser besonders liebenswürdig und sympathisch.

Nicht nur das Problem mit sich selbst, auch das Problem mit ihrem Vater wird thematisch immer wieder aufgegriffen. In der Alkoholsucht ihres Vaters scheint sie sich selbst wiederzufinden. Wie ein Spiegel, der vor sie gestellt wird, vergleicht sie sein Suchtverhalten mit ihrem eigenen.

Die Freundschaft zu ihrer besten Freundin ist rein und ehrlich. Jule ist äußerlich das komplette Gegenteil von Lea. Sie hat die Figur und das Auftreten, das Lea sich so sehr wünscht. Trotz der äußerlichen Unterschiede, wird ihre Freundschaft im Laufe des Romans niemals infrage gestellt. Wie ein unerschütterlicher Fels in der Brandung steht Jule an der Seite ihrer besten Freundin.

Auch wenn sich zwischen Ben und Lea eine romantische Beziehung entwickelt, kommen sie sich körperlich bis zum Ende nur in Leas Träumen nahe. Eine ungewöhnliche Form der Liebe, die allerdings für beide gut funktioniert. Auf einen körperlichen Ausbruch der Gefühle muss der Leser bis zum Ende warten. Der sich beim Lesen wie ein Anfang anfühlt.

Die Sprache des Buches ist leicht, jugendlich, ehrlich und geradlinig. Nur in träumerischen Sequenzen, in denen Lea Ben anhimmelt, verändert sich die Sprache, wird gefühlvoller und verspielter.

Ein durchaus gelungener Jugendroman über Freundschaft, Träume, Sehnsüchte, die Liebe zur Musik und Problemen mit sich selbst. Eine Erzählung, die Lust auf mehr macht und eine Nachricht an alle jungen Menschen beinhaltet: "Jedes Detail an dir ist heilig. Denn genauso wie du bist, bist du unvergleichlich." Eine Message, die auch im Titelsong für den Roman von Batomae vermittelt wird. Im Musikvideo zu 'Unvergleichlich' spielt die Autorin Jana Crämer als ihre Hauptfigur Lea mit.

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