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Jugendliche und Alkohol: Und Verbote wirken doch!

Jugendliche und Alkohol: Und Verbote wirken doch!
© picture alliance / Arco Images, Schoening

Eltern sollten für ihre Kinder Vorbild sein

Aus dem Alter, in dem ich beim Kauf einer Flasche Pinot Grigio an der Kasse meinen Ausweis vorlegen muss, bin ich eindeutig raus. Entsprechend bin ich mit der Thematik „Altersbeschränkungen für Alkohol“ noch nie in Berührung gekommen. Umso erstaunter war ich, als ich vom aktuellen Vorstoß des EU-Parlaments hörte: Die Brüsseler wollen, dass künftig nur erwachsene Menschen Alkohol kaufen dürfen. Ach?! Rein vom Gefühl her hätte ich darauf getippt, dass das ohnehin so geregelt ist. Aber weit gefehlt: Bisher können Jugendliche ab 16 sich problemlos mit Bier oder Wein eindecken.

Von: Ursula Willimsky

Klar kann man jetzt sagen: Die bisherigen Gesetze passen doch. Verbote machen manche Sachen ja nur noch interessanter. Und überhaupt: Wenn die trinken wollen, dann finden die ohnehin einen aus der Clique, der schon 18 ist und den Einkauf erledigt. Das mag alles stimmen. Aber andererseits: In manchen Fällen helfen ein paar zusätzliche Hürden dann ja vielleicht doch.

Nehmen wir als Beispiel Baden-Württemberg. Dort gilt seit ein paar Jahren ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot, unabhängig vom Alter des Käufers. Zwischen 22:00 Uhr abends und 5:00 Uhr morgens gibt´s an Tankstellen und in Supermärkten für die Durstigen nur Cola, Säfte und Wasser. Was am Alkoholkonsum von Jugendlichen einiges geändert hat. Das Hamburg Center for Health Economics (HCHE) und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) bilanzierten im Februar 2015, dass durch das Verbot deutlich weniger 15- bis 24-Jährige alkoholbedingt im Krankenhaus landeten. Zudem mussten weniger Menschen wegen der Folgen von Körperverletzungen behandelt werden.

„Jugendliche kaufen seltener Alkohol auf Vorrat und haben in der Regel weniger Geld zur Verfügung, so dass sie Alkohol öfter in Supermärkten und Tankstellen kaufen als Erwachsene, die einfacher auf Kneipen und Restaurants ausweichen können“, erklärt dazu Studienautor Thomas Siedler vom HCHE. Bei den älteren Erwachsenen ab 25 Jahren stellen die Forscher dagegen keine signifikante Reaktion fest. Jan Marcus vom DIW Berlin: „Hier spielen auch ein höheres Einkommen und eine eigene Wohnung eine Rolle. Der Alkoholkonsum findet geplanter und weniger in der Öffentlichkeit statt.“

Womit wir bei einem anderen wichtigen Aspekt wären: Der guten alten Vorbildfunktion. Kinder orientieren sich an dem, was sie in ihrer Familie und ihrem Umfeld sehen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) mahnt entsprechend zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol, „der in unserer Gesellschaft in vielen Alltagssituationen“ dazugehört: bei Feiern, geselligen Runden oder zum Abendessen wird gern mal ein Gläschen getrunken. Prinzipiell ist das ohne schlechtes Gewissen okay. Wichtig sei aber, dass Eltern „ihren Kindern durch ihr eigenes Verhalten zeigen, dass Alkohol ein Genussmittel ist, welches man maßvoll konsumiert und nicht etwa als Problemlöser, Stimmungsaufheller oder zur Entspannung missbraucht.“

"Junge Menschen trinken seltener Alkohol als früher"

Kleine Petitesse am Rande: Laut Jugendschutzgesetz dürfen schon 14-Jährige sich in der Kneipe ein Bierchen bestellen. Aber nur, wenn ein Erziehungsberechtigter mit dabei ist. Die Absicht hinter dieser Regel ist uns nicht ganz klar. Soll damit die Möglichkeit geschaffen werden, dass Jugendliche kontrolliert – also unter Aufsicht – erleben können, welche Auswirkungen Alkohol auf Wahrnehmungsvermögen und Denkfähigkeit hat? Auf jeden Fall finden wir das Bild eines Vaters, der mit seinem 14-Jährigen auf dem Nachhauseweg von der Schule noch schnell ein Kölsch zischt, naja, befremdlich. Aber das ist ja laut Gesetz Vorbild-, also Elternsache.

Die können auf der Kampagnen-Seite „kenn-dein-limit.de“ übrigens mit einem kleinen Selbsttest (dauert nur ein paar Minuten) ihren eigenen Alkoholkonsum einzuschätzen. Vielleicht ja auch interessant für Leute, die keine Kinder haben, denen sie ein Vorbild sein wollen.

Apropos Vorbilder. Die haben in den letzten Jahren ihren Job offenbar gut gemacht. Und Aufklärungskampagnen im Netz oder an Schulen zeigen ebenfalls Wirkung. Im Februar 2015 hatte das Statistische Bundesamt Positives zu vermelden: 2013 wurden bundesweit 23.267 Menschen zwischen 10 bis 19 Jahren wegen eines akuten Alkoholrausches stationär im Krankenhaus behandelt. Nach wie vor eine sehr hohe Zahl – aber deutliche niedriger (um 12,8 Prozent!) als 2012. Bei den 10- bis 14-Jährigen wurden 3.225 Fälle registriert, bei den 15- bis 19-Jährigen 20.042 Fälle.

Dazu Dr.Heidrun Thaiss, Leiterin der BZgA: „Die Zahlen stimmen positiv und zeigen, dass Präventionsmaßnahmen wie die BZgA-Kampagne „Alkohol? Kenn dein Limit.“ Jugendliche erreichen. Junge Menschen trinken heute seltener Alkohol als früher, das Einstiegsalter und erste Rauscherfahrungen verlagern sich nach hinten.“ Wenn sie denn überhaupt noch Alkohol trinken. Das Bild der komasaufenden Jugendlichen stimmt nämlich nicht so ganz: Satte 30 Prozent aller Jugendlichen sind völlig abstinent – vor zehn Jahren waren es nur 16 Prozent.

Das EU-Parlament will all diese positiven Trends mit strengeren Gesetzen noch weiter pushen. Im Laden kein Bier und Wein mehr unter 18. Warnhinweise auf der Flasche sollen auf die gesundheitlichen Risiken hinweisen. Und dann haben sich die Parlamentarier noch etwas ganz Fieses ausgedacht: Sie wollen, dass auch die Kalorien ausgewiesen werden. Zwei Flaschen Bier zum Beispiel haben denselben Nährwert wie eine Tafel Schokolade. Auch das kann durchaus abschreckend wirken. Nicht nur für Jugendliche.

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