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Jodi Picoult interessiert sich für die Ambivalenz der Charaktere

Jodi Picoult interessiert sich für die Ambivalenz der Charaktere

Die Vielschichtigkeit der Jodi Picoult

Jodie Picoult hat mit 'Zerbrechlich' einen ergreifenden Roman über eine Familie geschrieben, die durch die Kraft einer bedingungslosen Liebe verbunden ist.

Der Verlag Lübbe hat die Autorin über die Entstehung ihres Romans, die Komplexität ihrer Charaktere und über ihre Autorenfunktion befragt.

Interview

Lübbe:Mrs Picoult, wie kamen Sie auf die Idee für Ihr neues Buch?

Jodi Picoult: Die Idee für 'Zerbrechlich' kam mir durch einen Zeitungsartikel über ''ungewollte Geburt'': Eine Mutter in New York hatte kurz zuvor eine Schmerzensgeldklage in Millionenhöhe gegen ihren Gynäkologen gewonnen, nachdem ihr Sohn mit schweren Schäden geboren worden war. Aus dem Artikel war klar ersichtlich, dass sie das Kind von ganzem Herzen liebte, aber um an die finanziellen Mittel zu kommen, die ihm ein besseres Leben ermöglichten, musste sie der Welt sagen, dass sie den Fötus abgetrieben hätte, hätte sie die Möglichkeit dazu bekommen. Dieses ethische Problem hat mich zum Nachdenken angeregt.

Lübbe: Die Charaktere in Ihren Büchern sind stets vielschichtig und komplex - wie die Probleme, die sie quälen. Wie erschaffen Sie einen Charakter wie Charlotte, den die Leser zugleich hassen und lieben können?

Jodie Picoult: Nun, mir persönlich fällt es wesentlich schwerer, einen platten Charakter zu kreieren, der entweder Held oder Schurke ist. Die meisten von uns sind doch eine Mischung aus beidem, nicht wahr? Charlotte ist hier das beste Beispiel: Jemand, der etwas ganz Unmögliches tut, aber aus den richtigen Gründen. Meiner Meinung nach besteht Charlottes tragischer Fehler darin, dass sie ihr Ziel, das Leben ihrer Tochter Willow so einfach wie möglich zu machen, derart engstirnig verfolgt, dass der Rest ihres Umfelds dabei auf der Strecke bleibt- ihre Familie und Freunde.

Lübbe:Wie haben Sie die Rezepte ausgesucht, die immer wieder im Buch auftauchen? Glauben Sie an die Bedeutung, die diese Rezepte für Charlotte haben?

Jodie Picoult: Charlotte glaubt, dass die Summe der Zutaten mehr ist als die einzelnen Bestandteile- das trifft auch auf ihre Probleme mit Willow zu. Für Charlotte ist es mehr als eine Aneinanderreihung von Ereignissen, wenn sich Willow einen Knochen bricht, operiert wird oder Rehabilitationsmaßnahmen über sich ergehen lassen muss. Ich selbst backe (viel zu viel, wenn Sie meinen Mann fragen, der ständig flucht, wenn mal wieder ein Backblech voller Brownies in der Küche steht, das ihn zwingt, zuzugreifen...), und oft fallen mir Metaphern aus dem Bereich des Backens ein. Ich wollte Charlottes Kochbuch zu einer Sammlung dieser metaphorischen Begriffe machen- mit begleitenden Rezepten. Also habe ich eines Tages eine Liste mit Worten wie ''gehen lassen'', ''unterschlagen'' und dergleichen erstellt und sie an eine Freundin gemailt mit der Bitte, Rezepte zu kreieren, in denen diese Begriffe vorkommen. Ich muss gestehen, dass ich selten mit so etwas Köstlichem gearbeitet habe... Ich habe jedes einzelne Rezept nachgebacken, bevor ich es in den Roman aufgenommen habe.

Lübbe: Sie haben mehrere Erzähler erschaffen. Gibt es unter ihnen einen Charakter, zu dem Sie eine besonders starke Bindung haben oder der mit Ihrer eigenen Stimme spricht?

Jodie Picoult: Ich konnte mit jedem Charakter in diesem Buch mitfühlen. Meiner Meinung nach vertritt jeder einen nachvollziehbaren Standpunkt. Also kann ich wohl sagen, dass ich mich zu unterschiedlichen Zeiten auf die Seite von jedem geschlagen habe!

Lübbe: Haben Sie als Autorin je das Gefühl gehabt, die Rolle der Geschworenen einzunehmen? Wie haben Sie über den Ausgang des Prozesses entschieden?

Jodie Picoult: Tatsächlich stelle ich mir eher meine Leser in der Rolle der Geschworenen vor. Als Schriftstellerin ist es mein Job, alle Seiten der Geschichte zu beleuchten und es dann dem Leser zu überlassen, anhand der Beweise zu entscheiden, was richtig ist und was falsch. Das Geschworenenurteil war mir in diesem Fall gar nicht so wichtig. Wichtiger war mir die Wendung am Schluss der Geschichte. Aber damit es zu dieser letzten Wendung kommen konnte, musste ein bestimmtes Urteil gefällt werden... Mehr will ich aber nicht dazu sagen, sonst verrate ich noch alles!

Lübbe: Sie haben einmal gesagt, Sie wüssten schon, wie ein Buch endet, bevor Sie das erste Wort geschrieben haben. Trifft das auch auf 'Zerbrechlich' zu?

Jodie Picoult: Ja, ich kenne das Ende schon vor dem ersten Wort, und das trifft auch in diesem Fall zu. Das Ende stand nie zur Debatte, denn darin verbirgt sich eine kleine moralische Lektion. Nicht umsonst heißt es ja: ''Pass auf, was du dir wünschst''.

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