Job, Familie, Haushalt - war früher alles leichter?

Job, Familie, Haushalt - war früher alles leichter?
Karriere, Partner finden, Kinder - hatten es unsere Mütter leichter? © Unspecified

Der Druck wächst - vor allem zwischen 30 und 40

Als ich gestern Abend gemütlich fernsehen wollte, hat mein TV-Gerät mir mitgeteilt, dass ein Up-Date zur Verfügung steht. Das hat mich aus mehreren Gründen irritiert: Zum einen schätze ich es nicht, wenn meine Geräte von sich aus den Kontakt zu mir suchen. Zum anderen hatte ich keine Lust, jetzt auch noch an meinem Fernseher ein Update zu laden. Und vor allem: Der Hinweis hat mir mal wieder gezeigt, dass ich eigentlich noch etwas zu erledigen hätte. Denn da wartet ja nicht nur ein Update, sondern die längst fällige Auseinandersetzung mit all den technischen Möglichkeiten, die da - von mir bisher ungenutzt- hinter dem Bildschirm schlummern. Manchmal scheint es mir, als ob allein die Pflege meiner Gadgets inzwischen so viel Zeit einnimmt, wie früher eine normale Hausfrau für ihren kompletten Hausputz benötigte.

Von Ursula Willimsky

Wenn meine Mutter fernsehen wollte, hat sie den Fernseher angeknipst und geguckt, was halt so kam. Auswahl gab es nicht viel. Wenn sie telefonieren wollte, griff sie zum Telefon - und hat einfach gewählt. Und wenn das Telefon geklingelt hat, hat sie das Gespräch eben entgegengenommen. Heute kenne ich Frauen, die auch zwei Wochen nach dem Kauf ihres neuen Smartphones nur ab und zu erreichbar sind, ganz einfach, weil sie nach wie vor die neue Oberfläche (und alles, was dahinter steckt) noch nicht im Griff haben und deshalb ihr Handy nur nach dem Zufallsprinzip nutzen können.

Dabei hätten diese Frauen eigentlich noch jede Menge anderer Dinge zu erledigen: Sie müssten sich endlich, endlich um eine private Zusatzabsicherung fürs Alter kümmern. Sie müssten sich endlich, endlich entscheiden, ob sie kaufen oder weiter zur Miete wohnen wollen. Sie müssten endlich, endlich einen Partner fürs Leben finden, klären, ob jetzt der richtige Zeitpunkt für Kinder ist, oder ob sie lieber noch einige Zeit in ihre Karriere investieren. Oder sie müssten endlich, endlich mal einen anständigen Job finden. Und ins Fitness-Studio gehen. Und endlich ihre Ernährung umstellen…

Und nebenher müssen sie natürlich auch noch in ihrem Job als Kauffrau, Mutter, Managerin, Hausfrau, Krankenschwester oder Dozentin funktionieren. Und perfekt aussehen sowieso. So betrachtet, ganz schön viel für ein Leben. Es gibt Tage, da sehnt man sich die scheinbar guten, weil scheinbar entspannten alten Zeiten zurück, mit ihrer Ein-Ernährer-Struktur, ihren Kittelschürzen, ihren klar definierten Regeln und Aufgaben und gefühlt deutlich weniger Stress.

Doch wie viel Druck halten wir Frauen eigentlich aus?

Das sehen übrigens auch die Best-Agers so. Eine britische Studie fand heraus, dass gerade die Über-50-Jährigen der Meinung sind, dass das Leben für die "Jungen" vor Jahrzehnten einfacher war. Die Jobs - und auch die Renten - waren sicherer, finden sie. Arbeit und Privatleben besser getrennt. Häuser und Mieten finanziell bewältigbar. Was unter anderem laut Studie dazu führt, dass heute bereits die Leute Anfang 20 damit beginnen, sich um ihre Zukunft und um ihre Finanzen zu sorgen. Außerdem investieren sie viel Zeit und Mühe in die Gesunderhaltung ihres Körpers.

Und ein Lebensjahrzehnt später wird es ja auch nicht besser. Spätestens dann muss man ja irgendwie erwachsen werden, was zur Folge hat, dass sich zwischen 30 und 40 alles knubbelt: Karriere, Familienplanung, Hauskauf. Und das setzt uns ganz schön unter Stress. Vielleicht hatten unsere Eltern ja wirklich weniger von diesem Druck. Oder sie hatten ganz andere Sorgen, die wir heute schlichtweg nicht mehr realisieren.

Vielleicht waren sie ja auch ganz einfach mit weniger zufrieden. Und mussten nicht jedem neuen Technik-Trend hinterher hetzen. Wer viel konsumieren will, muss eben auch viel Geld haben, um sich all die schönen, angesagten Dinge kaufen zu können. Und er braucht Zeit, um diese Dinge zu nutzen. Hinzu kommt, dass früher - so scheint es mir - der Fachverkäufer im Fachgeschäft das Fachwissen hatte. Heute stehen vor jedem Kauf ungezählte Expeditionen durch Foren, Testseiten und Produktbeschreibungen. Auch das frisst Zeit. Und zwar unsere.

Und einfach essen dürfen wir ja auch nicht mehr. Wenn es früher donnerstags immer Linsen mit Wiener Würstchen gibt, bedurfte das keiner größeren theoretischen Auseinandersetzung; die kommt erst auf einen zu, wenn man überlegt, ob man es nicht vielleicht doch einmal mit makrobiologischer Ernährung versuchen sollte. Ganz zu schweigen von den wirklich relevanten, großen Entscheidungen.

Gut möglich, dass die Zeiten härter geworden sind. Weil viele Familien vom Gehalt des einen Ernährers gar nicht mehr leben könnten. Weil viele Arbeitsverhältnisse von vorneherein befristet sind und man immer mit dieser großen Unsicherheit kalkulieren muss. Weil man stärker gezwungen ist, für Dinge wie eine Scheidung und das Leben danach Sorge zu tragen, und für die Rente ohnehin.

Vielleicht auch, weil man mehr Entscheidungen treffen muss - und darf. Es gibt mehr Möglichkeiten als früher (Werde ich Hausfrau? Reduziere ich auf Halb-Tag? Oder arbeite ich voll weiter? zum Beispiel. Oder auch: Auf welche Schule schicke ich mein Kind?). Und damit gibt es natürlich auch mehr Herausforderungen, die uns unter Druck setzen können. Auch wenn zugegebenermaßen einige davon hausgemacht sind…

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