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Jess Jochimsen: Wenn Kinder rauchen

Jess Jochimsen: Wenn Kinder rauchen
Jess Jochimsens Sohn will sich das Rauchen abgewöhnen © picture-alliance/ dpa, Frank May

Bin ich ein schlechtes Vorbild?

"Du musst augenblicklich damit aufhören", schimpft die Oma, "sonst gerät Tom auf die schiefe Bahn." "Mutter", sage ich, "er ist ein Kind!" "Aber du weißt, wohin das führt", schimpft die Oma weiter, "oder willst du, dass er so wird wie du?" Ehrlich gesagt ja, aber das traue ich mich nicht auszusprechen. Nicht jetzt. Nicht in dieser prekären Situation. Das Problem ist: Mein Sohn Tom raucht.

Schuld daran ist eine Verkettung ungünstiger Umstände: Falsche Freunde (Felix und Paul), ein schlechtes Vorbild (ich), eine Liberalisierung der Taschengeldpolitik (welche ausgerechnet die Oma forciert hat) und der Tante-Emma-Laden um die Ecke, der die vermaledeiten Kaugummizigaretten zu Spottpreisen auf den Markt wirft.

Fakt ist, dass Felix, Paul und Tom derzeit die angesagten Jungs des Viertels sind. Sie sind beliebt, cool und werden von den Nachbarmädels angehimmelt - echte Raucher eben. Fakt ist aber auch, dass wir vor dem pädagogischen Problem "Wehret den Anfängen" stehen, denn wenn die Oma sich einmal in ein Thema verbissen hat, lässt sie so schnell nicht locker.

"Mutter", versuche ich es, "nicht jedes Kind, das eine Spielzeugpistole hat, wird später Polizist oder Mörder oder tritt einem Schützenverein bei. Und genauso verhält es sich mit Kaugummizigaretten." "Papperlapapp, du weißt ganz genau, dass er dich nachahmt!" Das stimmt nicht, denke ich, denn mein Sohn schleicht sich zum Rauchen nicht auf den zugigen Balkon oder heimlich auf die Restaurant-Toilette wie sein Vater, Tom frönt seiner Sucht lässig in der Öffentlichkeit. Ich bin stolz auf ihn. Sagen tue ich das natürlich nicht.

Raucher oder Profi-Seifenkisten-Fahrer?

"Ich habe dir diese Kaugummi-Dinger auf jeden Fall nicht erlaubt", sagt die Oma. "Hat aber auch nichts genützt", sage ich. "Jetzt hör doch auf!", sagt sie, "wer ist denn schuld an der Raucherei?" "Die Amerikaner", sage ich, "Kolumbus hat den Tabak nach Europa gebracht." "In Amerika ist Rauchen überall verboten", sagt sie, "du solltest dir ein Beispiel daran nehmen." "Passiert ja eh in Deutschland", sage ich, "und bis dahin finanziert die Tabaksteuer deine Rente." "Ein solches Argument ist eines mündigen Demokraten unwürdig", sagt sie. "Die einzige Errungenschaft der Demokraten in der 1848er Revolte war die Raucherlaubnis", sage ich, "und die Demokraten von heute vergeigen das jetzt." "Und wenn sie dadurch Tom vom Rauchen abhalten", sagt sie, "dann wähle ich die sogar!"

Zum Glück müssen wir solche Dispute in Zukunft vielleicht nicht mehr führen, denn Tom hat uns eröffnet, dass er mit dem Gedanken spiele, das Rauchen aufzugeben und stattdessen Profi-Seifenkisten-Fahrer werden zu wollen. (Pauls Vater, ein militanter Nichtraucher übrigens, hat den Jungs ein schlittenähnliches Gefährt gebaut, mit dem sie in einer vorgefertigten Bahn mit Höllenkaracho den Berg hinuntersausen können.)

"Du musst Tom das verbieten", schimpft die Oma, "das ist viel zu gefährlich." Ich verkneife mir den Kommentar, dass bei der ersten Winterolympiade den Bobfahrern das Rauchen noch ausdrücklich erlaubt war - und zwar während des Fahrens. (Ein tolles Bild: Die saßen aufrecht, mit Frack und Zylinder in ihren tollkühnen Kisten, ratterten rauchend gen Tal und sahen in erster Linie gut dabei aus!)

"Du weißt doch, wohin das führt", schimpft die Oma weiter, "oder willst du, dass er so wird wie der Hackl Schorsch?" "Das wird nicht passieren, Mutter", sage ich lächelnd, "vertrau mir." Dann drücke ich lässig die fertig gerauchte Kaugummizigarette aus.

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