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Jess Jochimsen: Oma und die Macht der Märchen

Jess Jochimsen: Oma und die Macht der Märchen
Nimmt Jess Jochimsens Sohn Schlaflieder und Märchen zu ernst? © Brigitte Friedrich

Ruhiger Schlaf mit Märchen und Schlafliedern?

Ab und an verbringt mein Sohn Tom ein paar Tage bei seiner Oma. Was völlig in Ordnung ist. Schließlich ist er naturgemäß das tollste Enkelkind der Welt und sie die beste Oma von allen, wenn man mal von der Tatsache absieht, dass sie im Nebenberuf auch noch meine Mutter ist, weswegen ich den Störfaktor Nummer eins in der Oma-Enkel-Beziehung darstelle, wir andauernd streiten und überhaupt mache ich in der Erziehung alles falsch: "So kannst du ihn aber nicht rumlaufen lassen!" "Kriegt der Junge überhaupt genug zu essen?" "Wie habe ich das mit dir damals nur geschafft?" Egal. "Tom soll es einmal besser haben."

Der letzte Oma-Besuch allerdings wirkte nach. "Papa", sagte mein pädagogisch runderneuerter und pausbäckiger Spross, als ich ihn ins Bett brachte, "die Oma wollte mich immer mit Nägeln zudecken." "Sie wollte was?" "Na, mich mit Nägeln zudecken."

Meine Mutter hat zwar von autogenem Walfischgesang bis zu kosmischem Oberton-Stricken wenig an esoterischem Firlefanz ausgelassen, aber bei einem Fakir war sie meines Wissens noch nie. Tom erzählte denn auch, dass die Oma ihm zum Einschlafen immer "Guten Abend, gute Nacht" ins Ohr gebrüllt habe (so hat er das wirklich gesagt!), und da gebe es doch diese Stelle: "Mit Röslein bedacht, mit Näglein bedeckt". Ich brauchte eine geschlagene Weile, Tom zu erklären, dass es sich in dem Lied nicht um Nägel handele, sondern um Nelken, was Blumen seien, die sich zwar durch irgendwelches Zauberwerk in diese kleinen Pieksedinger verwandelten, welche man aber nicht unter die Bettdecke, sondern in den Kuchen täte.

Wie im Märchen legt Tom sich eine Brotspur

Als der Kleine dann schlief, kam mir in den Sinn, dass meine Mutter mich seinerzeit auch mit diesem Lied zum Einschlafen bringen wollte; ebenfalls ohne Erfolg, allerdings wegen einer anderen Stelle: "Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt." Und wenn er nicht will? Kein Auge tat ich zu. Was, wenn er es vergessen würde, dachte ich damals, schließlich hatte er ja bestimmt auch noch anderes zu tun. Und irgendwann, so stellte ich mir vor, in hundert Jahren oder so, würde Gott auf seiner Wolke sitzen und ausrufen: "Verdammt, den hätte ich wecken sollen!" Meine Mutter hat aber auch noch andere Erziehungsmaximen als Old-School-Schlaflieder auf Lager, das exzessive Vorlesen von Märchen etwa. Und auch das blieb für Tom nicht folgenlos.

"Hast du dein Pausenbrot gegessen?", fragte ich ihn ein paar Tage nachdem er von der Oma zurückgekehrt war. "Das ging nicht", antwortete er. "Wieso nicht?" "Ich musste es auf dem Hinweg zerbröseln, wie Hänsel und Gretel, damit ich wieder nach Hause finde." Den ganzen Nachmittag wartete ich auf einen Beschwerdeanruf aus der Schule, dass Tom versucht hätte, die Lehrerin in den Backofen zu schubsen... Damit muss Schluss sein, dachte ich, und suchte nach Gegenpädagogik. "Schon mal darüber nachgedacht", klugmeierte ich, "dass die Vögel alle Brotkrumen aufpicken, und dass zum Beispiel eine Schnur viel besser wäre?"

Hätte ich nicht sagen sollen. Letzte Woche gab mir Tom mit den Worten "halt das mal und warte" das eine Ende eines Paketbandes in die Hand und lief, die Schnur abrollend davon. Als mir das Warten nach einer Stunde zu blöd wurde, folgte ich dem Band. Es führte mich eine Straße weiter zum Haus von Toms Kumpel Paul. Mit Pauls Vater ging es entlang einer zweiten Schur zu Felix und von dort zu Luka und so weiter. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit standen dann vierzehn Väter mit etlichen hundert Meter Paketband auf dem Fußballplatz, sahen ihren Söhnen beim Kicken zu und konnten einfach nicht böse sein - noch nicht mal, als mein Sohn sagte: "Die Schnüre spannt ihr schön wieder auf, sonst kommen wir nicht heim!" Ein Schlaflied wollte Tom an diesem Abend übrigens nicht.

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