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Jess Jochimsen: Mein Sohn will lange Haare und zur Beichte

Jess Jochimsen: Mein Sohn will lange Haare und zur Beichte
Jess Jochimsens Sohn möchte Katholik werden, damit ihm seine Sünden vergeben werden. © Achim Hehn

Tom will Katholik werden, um beichten zu können

Mein Sohn Tom bereitet mir derzeit in zweierlei Hinsicht Kummer. Zum einen will er nicht zum Frisör, sondern lange Haare "wie der Frings von Werder Bremen", zum anderen möchte er zum Katholizismus übertreten.

Aber der Reihe nach: In Toms Schule ist das Fach Religion dreigeteilt: Es gibt "katholisch", "evangelisch" und "konfessionell nicht gebunden". Oder wie die Kinder sagen: "Kartoffeln", "Elefanten" und "nix". Tom ist "nix", trotzdem geht er zu den Elefanten, also in evangelische Religion. Meistens zumindest. Es sei denn, die Kinder, die "nix" sind, basteln was extrem tolles oder dürfen spielen, dann geht er dahin, weil er ja eigentlich auch "nix" ist...(Außerdem sind dort auch die meisten anderen langhaarigen Frings-Fans, aber das ist das andere Problem.)

Jetzt nun dies: "Ich will zu den Kartoffeln", eröffnete er mir neulich. "Tom“, sagte ich, "du kannst nicht andauernd hin- und herwechseln." "Ich will aber!" "Wieso denn?" Ich gebe zu, dass ich etwas ärgerlich war, aber seine Begründung haute mich um: "Weil die Kartoffeln beichten dürfen." "Was?" "Beichten!" "Und das willst du?" "Genau." "Aber Tom, das stimmt doch gar nicht, erst, wenn die älter sind und Kommunion hatten, dürfen die..., also müssen die..." Ich wusste nicht weiter. Ich habe die Beichte eher als etwas Bedrückendes in Erinnerung, als eine Art Geständniszwang, als etwas, ich gebe das gerne zu, vor dem ich mein Kind bewahren wollte. Aber Tom hat seine eigene Auslegung.

"Ich habe heimlich Schokolade genommen"

"Weißt du denn überhaupt, was eine Beichte ist?", fragte ich ihn. "Klar", sagte Tom, "das ist praktisch: Wenn man was angestellt hat, geht man mit dem Pfarrersmann in so einen Kasten, erzählt alles, muss ein Gedicht aufsagen, und alles ist wieder gut. Und der Pfarrersmann darf einen nicht verpetzen. Weil das geheim ist." Daher wehte also der Wind. "Hast du denn was angestellt?", fragte ich ihn. "Das sag ich dir doch nicht!" Nach etlichem Hin und Her und den Versprechen, dass ich erstens nicht schimpfen würde und er, zweitens, seine lange Haaren behalten dürfe, solange er ein Haarband trage - "und zwar genau so eins, wie der Frings hat!"-, rückte er mit der Sprache raus:"Ich habe heimlich Schokolade aus dem Schrank genommen!"

Also, wenn alle Kinder, die so etwas tun, gleich katholisch werden wollen, dachte ich erst, braucht sich die Kirche keine Nachwuchssorgen zu machen. Dann aber nagten Selbstzweifel und schlechtes Gewissen an mir, umso mehr, als mir Tom versicherte, dass er "einfach Hunger gehabt" habe und "halt keiner zum Fragen da gewesen" sei. (Weil wir ihn mal wieder allein gelassen hätten!) Das Ende vom Lied können Sie sich ja denken: Ich versicherte meinem Sohn 1.000 Mal, dass alles in Ordnung sei, lobte ihn überschwenglich, weil er alles "gebeichtet" hätte, versprach, ihn nie mehr allein zu lassen, überhaupt sei er ein prima Kind und der Frings sowie seine Haare seien sowieso toll.

Mich dagegen hielt ich für den schlimmsten aller Rabenväter. Das Ende dieser Geschichte aber geht so: Als ich im Internet nach dem versprochenen Haarband suchte und "Frings" googelte, erschien dort nicht etwa der Fußballer Torsten, sondern der frühere Kölner Erzbischof Joseph Frings, der vor allem dadurch berühmt wurde, dass er in der Sylvesterpredigt von 1946 das "Organisieren von Lebensmitteln" und den "Kohlenklau" seitens der notleidenden Bevölkerung "vor Gott und der Welt" rechtfertigte, weshalb man in der kölschen Sprache bis heute das Wort "fringsen" für "Mundraub" verwendet. (Und wenn das keine Schlusspointe ist, dann weiß ich es auch nicht.)

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