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Jess Jochimsen: Familienpolitik

Jess Jochimsen: Familienpolitik
Jess Jochimsens Sohn möchte ein Scheidungskind sein © picture-alliance/ dpa, Frank May

Tom hat langweilige, biedere Eltern - oder?

Mein Sohn Tom verblüffte mich mit einer ausgesprochen denkwürdigen familienpolitischen Aussage. Aufgeregt kam er aus der Schule und sagte: "Fast alle Eltern in der Klasse sind verschieden, nur du und Mama nicht!"

"Hoppla, Sohn, ganz langsam, was liegt an?"

"Ich will, dass ihr auch verschieden seid!"

"Aber das sind wir doch. Wenn du wüsstest... deine Mutter und ich, wir sind manchmal so was von verschieden..."

"Gar nicht! Ihr seid geheiratet!"

"Oha. Und... du fändest es also besser, wenn wir das nicht wären?"

"Ja. Dann hätte ich auch zwei Kinderzimmer und dürfte alleine Straßenbahnfahren."

Das ist natürlich ein ernsthaftes Problem. So leid mir das jetzt für Kirche und Konservative tut, aber bei uns vollzieht sich gerade ein Paradigmenwechsel. 28 Kinder gehen in die Klasse meines Sohnes, bei 20 von ihnen leben die Eltern getrennt oder sind, wie Tom es sagt, "alleinrumerziehend". Und irgendwie finden die Kinder das "millionentausendmal besser". Felix, zum Beispiel, hat nämlich jetzt doppelt so viel Spielzeug wie früher, weil er sowohl im Haus seiner Mutter als auch in dem seines Vaters ein beinahe identisches Kinderzimmer besitzt, und Luka darf einmal in der Woche "ganz alleine" mit der Bahn seinen Papa besuchen, außerdem sind da jetzt "neue Partner", von denen es "dauernd Geschenke" gibt, von ZWEIMAL Urlaub und ZWEIMAL Weihnachten ganz zu schweigen, überhaupt ist "bei denen" immer was los, nur Tom hat diese langweiligen, biederen, normalen Eltern. Geheiratet eben. Und nicht verschieden.

Mein Sohn will ein Scheidungskind sein!

Manchmal stimmen mich die Wortdreher meines Sohnes doch nachdenklich: Gibt man mit der Heirat wirklich seine "Verschiedenheit" auf? Wird man zu einem Paar, das sich erst trennen muss, um wieder zu zwei "verschiedenen" Menschen zu werden? Wenn ich nachdenklich werde, werde ich gern mal wütend: Mein Rabensohn möchte die Keimzelle des Staates zerstört sehen! Tom will ein Scheidungskind sein! Das kann ja wohl nicht angehen. Dir werd' ichs zeigen!

Wenn ich wütend werde, werde ich gern mal doof. Ich berief eine Familienkonferenz ein und legte los: "So, Tom. Du findest also, dass Luka und Felix es besser haben als du.

"Ja."

"Gut ... dann lassen wir uns auch scheiden!"

"Spitze", jubelte Tom. "Ich behalte das Haus und den Wagen", grinste meine Frau, aber ich war nicht zu bremsen. "Tom, das heißt, dass ich ausziehe!!" "Super. Wohin?"

"NA... WEG!!!"

"Kann man da mit der Straßenbahn hinfahren?"

Und dann sagte ich doch glatt den dümmsten Filmsatz aller Zeiten:

"ICH, ... ICH ZIEHE WIEDER ZU MEINER MUTTER." Hab ich dann natürlich nicht gemacht. So "verschieden" wollte ich dann doch nicht sein. (Außerdem fährt da keine Straßenbahn hin.)

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