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Jess Jochimsen: Einführung in den Kapitalismus

Jess Jochimsen: Einführung in den Kapitalismus
Jess Jochimsens Sohn wirft sein Geld in Parkuhren - eine Einführung in den Kapitalismus ist also von Nöten © Achim Hehn

"Mein Sohn finanziert Bonzen das Parken"

Mein Sohn Tom ist nicht nur frech, sondern tut von Zeit zu Zeit auch dumme Dinge. (Also in meinen Augen dumm, nicht in seinen.) Das dümmste dieser Dinge ist das Füttern von Parkuhren.

Ich halte das im Kopf nicht aus, aber Tom macht es Spaß: Er schmeißt sein sauer verdientes Taschengeld in Parkuhren. Natürlich nur, wenn die Uhren leer sind und da auch ein Auto steht. (Ganz dumm ist er ja auch nicht...) Und ich bin schuld daran, weil ich ihm das mal erklärt habe: Wenn man auf einem Parkplatz mit Parkuhr parkt, und die Uhr ist leer, habe ich ihm erklärt, dann muss man da Geld einwerfen, sonst gibt’s einen Strafzettel. Vielleicht hätte ich betonen sollen, dass es Sinn macht, wenn es sich um das eigene Auto handelt. Jetzt wirft Tom nämlich Geld in alle leeren Parkuhren, an denen er vorbeikommt. Sofern da ein Auto steht.

"Damit’s keine Strafe gibt", sagt er stolz und treibt mich damit in den Wahnsinn. Die Ausnahme bilden gelbe Autos, die kriegen kein Geld, weil Tom gelb nicht mag. Ansonsten gilt die Regel: Je größer das Auto, desto mehr Geld wirft Tom in die Uhren. Es macht mich rasend: "Tom, das ist einfach nur dumm!" "Ist es nicht. Alles muss seine Ordnung haben. Außerdem isses mein Geld!"

"Was habe ich nur falsch gemacht?"

Was habe ich nur falsch gemacht? Mein Sohn ist ein Ordnungsfanatiker und finanziert Bonzen das Parken! Mit seinem Taschengeld!! Welches er von mir erhalten hat!!! Natürlich habe ich versucht, ihn davon abzubringen - ohne Erfolg. Tom will dumm sein. Auf seinem Schulweg passiert er täglich eine kleine Einkaufsstraße mit fünf gebührenpflichtigen Parkplätzen, das ist sein Revier. Das hält er sauber. Zur großen Freude der Politesse, die dort Dienst tut.

"Hier brauchst du gar nicht mehr hinkommen", sagte er ihr neulich stolz, "da schmeiß ich immer Geld ein."

"Das ist aber nicht der Sinn der Sache", sagte sie.

"Doch. Sonst müssen die Strafe zahlen."

"Ja, das sollen die auch!"

Die Politesse wurde richtig ärgerlich, und Tom frech: "Aber es ist ja wohl nicht verboten."

"Das nicht...", schnaubte die Ordnungshüterin, "aber ich bin dann arbeitslos!"

"Such’ dir doch eine andere Straße!"

"Wenn ich dich noch einmal erwische, setzt’s was!"

"Du bist ja noch nicht mal ein richtiger Polizist!"

Dann rannte Tom weg und es brauchte meine ganzen Kräfte, die Sache wieder gerade zu biegen...

Zuhause ließ ich meinem Ärger dann freien Lauf, stellte Tom ob seiner Frechheit ein ganzes Strafregister inklusive Taschengeldsperre in Aussicht, und erklärte ihm darüber hinaus die grundlegende Regel des Kapitalismus, nach der man seine eigene Kohle gefälligst gewinnbringend anzulegen hat und nicht dumm zum Nutzen anderer!

Tom zeigte sich einsichtig und erzählte mir ein paar Tage später, dass er das jetzt machen würde mit der Kohle, auch würde er nicht mehr die Politesse abpassen, sondern die Leute, für die er Geld in die Parkuhren eingeworfen hätte. Sehr nett seien die und verdienen würde er auch dabei. (Weil die ihm immer was zusteckten.) Irgendwas mache ich grundlegend falsch.

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