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Jess Jochimsen: Die Schatzinsel

Jess Jochimsen: Die Schatzinsel
Jess Jochimsens Sohn spielt auf einer Schatzinsel © Esther Haase

Mein Kind sprüht nur so vor Kreativität

In unserer Straße wird gebaut. Genauer gesagt: In Bälde wird da gebaut werden. Bislang ist da einfach ein großes, tiefes Loch. Der zukünftige Keller unserer zukünftigen Nachbarn.

Für meinen Sohn Tom und seine Freunde ist es jedoch DIE SCHATZINSEL. Was völlig logisch ist, schließlich kann man in dem Loch herrlich graben und ab und an sammelt sich dort Regenwasser, Meer ist also auch da, - und die Geschichte vom jungen Jim Hawkins und dem Piraten Long John Silver kennen die Jungs eh in und auswendig.

Anfangs war das ein sehr harmonisches Kinderspiel, denn alle wollten Long John Silver sein. Also trugen alle einen langen Mantel und ein Kopftuch, alle hatten nur ein Bein und eine Baulatte als Krücke. So humpelten sie friedlich in der Baugrube rum, tranken Apfelsaft-Brandy und suchten nach einem Phantasie-Schatz. So weit, so gut. Ein bißchen kreativer könnte das Ganze sein, dachte ich, aber ehrlich gesagt habe ich mich auch nicht mehr so richtig gekümmert.

Ich wurde noch nicht mal stutzig, als Tom sagte: "Wir spielen jetzt schon besser Schatzinsel, Papa. Wir haben nur noch vier John Silvers, weil ich bin jetzt Jim Hawkins und Felix ist der Schiffsarzt." Geht doch mit der Kreativität, dachte ich, wobei, ich mochte Jim als Kind auch am liebsten und der Papa von Felix ist Mediziner - wie der Vater, so der Sohn. Egal.

Jess Jochimsen und sein Sohn haben eine Leiche im Keller

"Papa", fragte Tom dann noch, "der Jim sitzt doch in einem Apfelfass. Wie baut man so was?" "Euch fällt schon was ein, Sohnemann, seid kreativ."

"Und Papa, der echte John Silver, der hatte doch einen Papagei auf der Schulter, oder?" "Ich glaube ja, warum fragst du?" "Nur so."

Wir hätten es ahnen können, aber gemerkt haben wir es erst, als ich die Winterreifen suchte, zur gleichen Zeit der Vater von Felix seinen Notfall-Arzt-Koffer nicht finden konnte, die alte Frau Becker von gegenüber ihrem entflogenen Kanarienvogel nachtrauerte und etliche Mütter das Fehlen von Vasen und Besteck beklagten... So viel zum Thema Kreativität.

Aus der Baugrube stieg Pulverdampf auf, Gefechtslärm und Schreie hallten durch die Straße, Jim Hawkins steckte brüllend im Autoreifen-Apfelfass fest, der Schiffsarzt versorgte die Verletzten mehr als authentisch, Long "Paul" Silver jagte seinen völlig hysterischen Kanarien-Papagei ... und der schlammige Boden war übersäht mit dem Tafelsilber unserer Straße. Wir Eltern taten, was zu tun war. Wir räumten auf und schimpften mit unseren Kindern. Tags drauf begannen in der Grube die Bauarbeiten.

Aber erst als der Beton fest war, zeigte mir Tom weinend eine vergilbte Schatzkarte, deutete auf ein rotes Kreuz und schniefte: "Da, da, ... Mamas Ohrringe. Nicht petzen, bitte." Mein Sohn Tom und ich haben jetzt eine Leiche im Keller, unsere zukünftigen Nachbarn dagegen einen Schatz.

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