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Jess Jochimsen: Die Sache mit der Aufklärung

Jess Jochimsen: Die Sache mit der Aufklärung
Jess Jochmisen und das leidige Thema Aufklärung © Brigitte Friedrich

Aufklärung: Die Sache mit dem Rücken

Mein Sohn Tom schoss den Vogel ab. Ich hatte einen Hexenschuss und jammerte, wie nur Männer es können, aber keiner hatte Mitleid. Meine Mutter: "Stell dich nicht so an!" Meine Frau: "Wer hat denn gesagt, dass er den Schlafzimmerschrank locker alleine aufbauen kann?" Mein Arzt: "Sie sollten nicht so schwer heben." Tom jedoch sagte: "Du hast wahrscheinlich zu viel ongarniert, davon schmilzt das Rückenmark."

"Ich habe bitte was?" "Zuviel ongarniert. Hat der Paul in der Schule erzählt. Wenn man das macht, kriegt man Kreuzschmerzen, weil das Rückenmark schmilzt. Was ist denn das überhaupt?" "Das Rückenmark? Das kann ich dir erklären, mein Sohn." Und noch bevor er etwas sagen konnte, hielt ich ihm einen atemlosen Vortrag über jenen Teil des zentralen Nervensystems, der eine ganze Menge könne, aber schmelzen nicht, ein ausgemachter Unsinn sei das, und überhaupt solle er nicht alles glauben, was der Paul sagt, weil der nämlich von nichts eine Ahnung habe, und vom Ongarnieren schon gleich zweimal nicht, und abgesehen davon seien meine Schmerzen muskulärer Natur, wegen des gottverdammten Schlafzimmerschrankes, und jetzt raus!

Das Thema "Aufklärung" wird wieder aufkommen

Mein Sohn zog verdattert von dannen und ich wurde nachdenklich. Manche Dinge sind einfach nicht totzukriegen; schon zu meiner Zeit wurde man blind oder wahlweise blöd "davon", und auch der "Rückenmarksschwund" fand häufige Erwähnung. Aber ein für alle mal: Mit "Ongarnieren" hat das alles nichts zu tun. Wobei das Wort schön ist, ich schlage es hiermit der Gesellschaft für Deutsche Sprache als Neuerfindung vor: ">Ongarnieren< ist skandinavischen Ursprungs und bezeichnet das illusorische, eigenhändige Montieren häßlicher, schwedischer Möbel; zieht Schiefhängen des häuslichen Segens und der Bandscheiben nach sich."

Und jetzt ernsthaft: Irgendwann wird das "Rückenmark"-Thema wieder aufkommen, nicht sprachlich hoffentlich, sondern in Form von Flecken auf der Bayern München-Bettwäsche meines Sohnes. Und ich weiß nicht, was ich dann schlimmer finden werde, die Flecken oder die Bettwäsche. Allein, ich werde das tun, was aufgeklärte Eltern tun sollten: Ohne weitere Worte das Laken abziehen, es in die Waschmaschine schmeißen und ein neues holen - aus einem Schrank, den ich einst unter Schmerzen ongarniert habe.

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