Jesper Juul: Überbehütete Kinder sind vernachlässigte Kinder

Jesper Juul: Überbehütete Kinder sind vernachlässigte Kinder

Jesper Juul: Wie Überbehütung den Kindern schaden kann

Zeit, Geld, Engagement: Nie zuvor wurden unsere Kinder so verwöhnt wie heute. Wir Eltern kontrollieren engmaschig und helfen dort, wo es hakt. Aber jetzt haben wir ein Problem - denn das alles soll total falsch sein!

Von Jutta Rogge-Strang

Früher haben wir gelacht, wenn japanische Eltern ihre Kinder in eine Luxus-Kita gesteckt haben, für die es sogar Aufnahme-Prüfungen gab. Heute sind wir auch auf dem besten Weg dorthin: Die besten Outfits, die besten Schulen, wir sprechen mit Lehren oder gleich dem Direktor und räumen Schwierigkeiten aus dem Weg. Trotzdem bleiben unsere Kinder auf der Strecke, werden schwierig und auffällig, es häufen sich soziale und seelische Probleme. Wie kann das sein? Wir geben doch alles!

Wir sind zu "Helikopter"-Eltern oder "Curling"-Eltern geworden, die ihrem Nachwuchs mit ihrem "Over-Parenting" jedes Problem aus dem Weg räumen. Mit dem Ergebnis, dass unsere Kinder sich zur Generation Weichei entwickeln. Mit allem, was dazu gehört: Essstörungen, ADHS oder massive Schulprobleme. Gleichzeitig üben wir offenbar einen massiven Leistungsdruck aus, Erfolge in Schule oder Sport werden als Familienleistung gefeiert. Unsere Kinder sind zu einem Statussymbol geworden.

So ziehen wir tagtäglich kleine Tyrannen groß. Aber verwöhnte Kinder sind in aller Regel unglücklich - und zeigen seltsamerweise dieselben Verhaltensprobleme wie vernachlässigte Kinder", so Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann zu 'Spiegel Online': "Die Eltern ersparen ihren Söhnen und Töchtern sogar den Anblick eigener Trauer, etwa beim Tod der Großeltern. Solche Kinder wissen nichts über andere Menschen und nichts über sich selbst. Sie wissen nicht, was es heißt, traurig oder frustriert zu sein, sie kennen deshalb kein Mitgefühl."

Tatsächlich werden immer mehr Kinder schwierig und auffällig und müssen in therapeutische Behandlung: Ritzen, Selbstmordversuche, selbstzerstörerisches Verhalten mit Hilfe von Alkohol, Drogen und Sex, Depressionen. Es sind Kinder von sehr engagierten, beziehungsfähigen Eltern, die alles für ihren Nachwuchs getan haben. So hatten wir uns das aber nicht vorgestellt! Wie kommen wir jetzt wieder raus aus der Zwickmühle? Was können wir unseren Goldkindern denn wirklich Gutes tun?

Schluss mit der Überbehütung, fordern Psychologen. Das Kind soll nicht mehr Partner sein, sondern wir sollen ihm Widerstand entgegensetzen, um die natürliche Hierarchie zwischen Kindern und Eltern wieder herzustellen. Zudem sollen wir uns in der Erziehung zurückhalten. "Wenn es dir nicht erlaubt ist, von einem Baum oder 50 Mal von einem Stuhl zu fallen, wirst du nie dein Potenzial und deine persönlichen Grenzen kennenlernen. Und du wirst dieses Wissen nie auf andere Gebiete des Lebens und des Lernens übertragen können", so der dänische Therapeut Jesper Juul in einem 'BamS'-Interview.

Jesper Juul ist der Meinung, dass Kinder nur eine einzige Regel brauchen: „Verletzte niemals die persönlichen Grenzen eines anderen Menschen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt." Erziehung soll zwischen den Zeilen stattfinden, in einem geordneten Umfeld, das Raum lässt für Entwicklung und Ausprobieren. Dabei sollen Eltern sich und ihren Kindern mehr zutrauen und sie keinem Konkurrenzdruck aussetzen: In Schule und Sport kriegen sie schon genug ab.

Pädagogen fordern mehr Freiraum für die Kinder. Eltern sollen Vorbilder sein und ihren Kindern Selbstständigkeit zutrauen, sie zu emotionaler Stabilität und Widerstandsfähigkeit erziehen. Nur dann können Kinder ihre persönlichen Erfahrungen machen und daran wachsen und reifen.

Ich höre trotzdem die Helikopter-Flügel schon wieder rotieren: Wenn das alles mal so einfach wäre - wir wollen doch nur ihr Bestes!

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