BERUF BERUF

Jenna Behrends packt aus: Über den alltäglichen Sexismus in der Politik

Die Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends blickt am 23.09.2016 in Berlin in die Kamera der Fotografin. Foto: Sophia Kembowski/dpa (zu dpa: "Berliner CDU-Politikerin wirft Partei Sexismus vor") +++(c) dpa - Bildfunk+++
Jetzt erst recht! Jenna Behrends will sich in Zukunft noch stärker in ihrer Partei engagieren. © dpa, Sophia Kembowski, kes hjb

"Die ist so karrieregeil"

"Liebe Partei, wir müssen reden." So beginnt der offene Brief, in dem die junge CDU-Politikerin Jenna Behrends mit der CDU abrechnet. Sie schildert, wie es so ist, wenn man als eine von wenigen Frauen versucht, sich in einer etablierten Partei zu engagieren ("Die ist so karrieregeil"). Und wie es sich anfühlt, wenn Parteifreunde für deinen Erfolg merkwürdige Erklärungen bereit haben ("Fickst Du die?").

Von Ursula Willimsky

Was sind das für Politiker, die so ein System produziert?

Angeblich bastelte Behrends seit dem Frühjahr an dem Text, am Freitag erschien er im Online-Magazin editionf. Ein kleiner Auszug: "Liebe Partei, ich weiß, du lästerst gerne bei zu viel Bier. Aber die junge Frau, die bereit wäre, sich für ein kommunales Ehrenamt hochzuschlafen, gibt es nur in deiner schmutzigen Fantasie. Die junge Frau, die ständig mit den Gerüchten um ihre angeblichen Affären konfrontiert wird, die gibt es in echt."

Es sind nicht nur die Gerüchte, von denen Behrends erzählt. Sondern auch herablassende, sexistische Bemerkungen. So wurde sie von einem Parteifreund als "große, süße Maus" begrüßt - was jetzt nicht danach klingt, als ob er vor allem ihr familienpolitisches Engagement schätzt. Während man den Brief liest und gerade anfängt, sich über einen bestimmten Typus von Mann  zu ärgern, wirft Behrends noch einen Satz in die Arena, der zu denken gibt: "Auch wenn ich mich anfangs mehr am angeblichen Hochschlafen gestört habe, bin ich mir unschlüssig, ob ich den 'Die-hat-zu-große-Ambitionen'-Vorwurf von einer anderen Frau nicht noch vernichtender finde. In ihrer Wirkung bei deinen Mitgliedern, liebe Partei, unterscheiden sie sich kaum. In Kombination sind sie unerträglich."

Das klassische Doppel-Desaster

Was angeblich hinter dem Rücken der 26-Jährigen und manchmal auch offen ausgesprochen wurde, ist das Doppel-Desaster, in dem viele Frauen stecken. Nicht nur in der Politik. Entweder wird ihr Erfolg als Folge ihres privaten, nicht-dienstlichen Engagements kleingeredet oder es wird versucht, die Person selbst mit Attributen wie 'überehrgeizig' und 'karrieregeil' zu diskreditieren. Worte, die in Zusammenhang mit einer Frau nur sehr, sehr selten positiv gemeint sind.

Was Behrends schildert, ist eine sexistische Grundstimmung gepaart mit Neid und Missgunst. Wir entdecken noch einen anderen Mechanismus: Die Tendenz zum Hauen und Stechen da, wo eine sachliche Diskussion zielführender wäre. Offenbar geht es in der Politik auch nicht anders zu als in einem Sportverein oder im Büro, wenn darüber getratscht wird, weshalb jetzt gerade die und nicht der den Posten bekommen hat.

Jetzt kann man leicht sagen: So isses halt, wenn man in bestehenden Strukturen etwas ändern will und vielleicht sogar nach dem ein oder anderen Posten greift. Da fasst einen keiner mit Samthandschuhen an. Ähnliches bekam auch die 26-Jährige zu hören: "…Nicht nur mein Ortsvorsitzender erklärte mir, das alles sei Teil des politischen Auswahlprozesses. Wenn ich damit nicht klarkäme, dann sei ich für kein Amt geeignet. Ich hingegen frage mich, was das für Politiker sein müssen, die so ein System produziert."

Muss man es sich wirklich gefallen lassen, vom Parteikollegen als "süße Maus" begrüßt zu werden, damit man sich dann irgendwann in der Familienpolitik engagieren darf? Gerade von Politikern erwarten wir durchaus, dass sie zu einer fachlichen Diskussion fähig sind. Dass sie hin und wieder ihr Verhalten reflektieren, bestenfalls sogar korrigieren. Oder einfach mal drüber nachdenken, was sie da so sagen und was sie damit tatsächlich aussagen.

Anzeige