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Jede vierte Schwangere in Deutschland trinkt Alkohol: Neue Studie offenbart gefährlichen Trend

Alkohol in der schwangerschaft
Jede vierte Schwangere trinkt Alkohol - die Folgen für das Kind sind enorm © iStockphoto, HighwayStarz

Schon kleine Mengen Alkohol können dem Baby schaden

Jede vierte werdende Mama trinkt Alkohol. Und riskiert damit, dass ihr Kind sein Leben lang mit den Folgen leben muss. Hirnschäden, aber auch psychische, soziale oder emotionale Probleme können ihre Ursache in dem ein oder anderen Glas Sekt haben, das Mama genossen hat. Zum Vergleich: Weltweit bleiben rund neunzig Prozent der Schwangeren abstinent - in Deutschland genehmigen sich dagegen fast 26 Prozent zumindest ausnahmsweise ein Getränk mit Alkohol. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie aus Kanada.

Von Ursula Willimsky

Kein Experte kann genau sagen, ab welcher Menge Wein, Bier oder Sekt dem Baby schaden. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) geht davon aus, dass selbst geringe Mengen Alkohol in der Schwangerschaft Gehirn und Organe des ungeborenen Kindes schädigen und sein Wachstum und seine geistige und soziale Entwicklung stören können.

Vor allem Kinder mit FAS (Fetales Alkohol-Syndrom) "sind in ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung dauerhaft stark beeinträchtigt und oft ein Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen. Defizite, die sich vollständig vermeiden ließen", sagt Elisabeth Pott, die Leiterin der BzgA.  Deshalb gilt allgemein die Empfehlung: Gar nichts trinken, denn der Alkohol wandert via Nabelschnur in den Körper des Embryos. Und der ist zart und anfällig.

Jede vierte Schwangere blendet hierzulande diese Tatsache offenbar zumindest manchmal aus. Diese Zahl nennt Svetlana Popova vom Centre of Addiction and Mental Health (Sucht und psychische Gesundheit) in Toronto. In der ersten weltweiten Studie zu den Auswirkungen von Alkoholkonsum während der Schwangerschaft werteten sie und ihre Kollegen mehrere hundert Studien aus und analysierten, in welchen Ländern dieses Verhalten und seine Folgen eine besonders große Rolle spielen.

Die deutschen Schwangeren liegen laut Popovas Studie im europäischen Durchschnitt. Die Zahl der alkoholgeschädigten Kinder liegt folgerichtig ebenfalls nahe beim europäischen Durchschnitt: 38 von 10.000 Babys werden mit FAS geboren - dem fetalen Alkoholsyndrom. Im europäischen Durchschnitt sind es 37 von 10.000. Weltweit: 15 von 10.000. Für Deutschland bedeutet das auch: Es gibt mehr Babys mit FAS als mit Down-Syndrom, wie "Spiegel Online" ausgerechnet hat.

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Partner sollte die werdende Mama unterstützen

FAS zeigt sich mit vielen Gesichtern. Einige zählt die Studie auf: Totgeburt, Fehlgeburten, Frühgeburten. Der Embryo wächst nur langsam weiter, das Baby kommt mit geringem Gewicht zur Welt. Es kann dauerhafte Hirnschäden erleiden, körperliche Anomalien haben oder stigmatisierende Gesichtszüge tragen.

Bei leichteren Fällen spricht man von Kindern, die unter Fetalen Alkoholeffekten zu leiden haben. Diese Kinder seien zum Beispiel permanent unruhig, nervös oder schreckhaft. Häufig fehle ihnen das natürliche Misstrauen, das Menschen vor Gefahren schützt, oder sie können ihr Verhalten und dessen Konsequenzen nur schlecht einschätzen. "Dadurch haben sie ein höheres Risiko, zum Mitläufer oder Opfer von Straftaten zu werden", warnte jüngst der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland (BKJPP). Experten gehen davon aus, dass in Deutschland jedes Jahr rund 10.000 Kinder mit alkoholverursachten Defiziten geboren werden.

Die kanadische Studie hat diese Kinder mit ihren leichteren Störungen nicht in ihre Statistiken aufgenommen - und kommt dennoch auf eine hohe Zahl: 119.000 alkoholgeschädigte FAS-Kindern würden jedes Jahr weltweit geboren. 2.000 davon laut BzgA in Deutschland.

Die Bundeszentrale geht davon aus (Stand: 2014), dass 14 Prozent der deutschen Schwangeren zumindest gelegentlich Alkohol trinken, weniger also, als die kanadischen Forscher sagen. Doch die absolute Zahl scheint uns unerheblich; sind doch die Konsequenzen für jedes einzelne betroffene Kind die gleichen: Beeinträchtigungen und Behinderungen ein Leben lang.

Die sich hätten vermeiden lassen, wenn Mama während Schwangerschaft und Stillzeit auf Alkohol verzichtet hätte. Hier nimmt die BzgA übrigens auch Familie, Freunde und vor allem den Kindsvater in die Pflicht. Partner könnten die Schwangere unterstützen, indem auch sie auf ihr Bierchen verzichten und Situationen vermeiden, die ihre Partnerin zum Konsum alkoholischer Getränke verleiten könnten. Denn "die Verantwortung für die gesunde Entwicklung ihres Kindes tragen werdende Eltern gemeinsam".

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