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"Jede Mutter kennt diese Urangst"

"Jede Mutter kennt diese Urangst"
"Viele von meinen eigenen Erfahrungen sind in die 'Schattenfreundin' eingeflossen."

Christine Drews im Interview

In Ihrem Kriminalroman „Schattenfreundin“ beschreiben Sie den Albtraum einer jeden Mutter. Katrin, eine der Hauptfiguren, zieht zusammen mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn Leo von Köln nach Münster. Sie freundet sich schnell mit Tanja, der vermeintlichen Mutter, eines Kindergartenfreundes ihres Sohnes Leo an. Kurze Zeit später wird Leo von Tanja entführt. Sie sind selbst Mutter zweier Jungen. Inwiefern haben eigene Erfahrungen Sie beim Thema und Schreiben des Romans beeinflusst?

Wie Katrin bin ich eine berufstätige Mutter und genau wie sie war ich schwanger, als ich mit der Arbeit an der „Schattenfreundin“ begann. Es war für mich naheliegend, meine Hauptprotagonistin in eine ähnliche Situation zu versetzen, da ich mich sehr gut in ihre Lage einfühlen konnte. Alle Ängste, die man gerade als junge Mutter um sein Kind und natürlich auch um sein Ungeborenes hat, waren mir vertraut. Dass dem eigenen Kind etwas passieren könnte, ist eine Urangst, die wohl jede Mutter in sich hat und die ich daher leicht beschreiben konnte. Außerdem war ich zu dem Zeitpunkt häufig auf Spielplätzen und in der Kita unterwegs, so dass viel von meinen eigenen Erfahrungen in die „Schattenfreundin“ eingeflossen ist.

Wann hat Ihre Leidenschaft fürs Schreiben begonnen?

Ich weiß, dass es klischeehaft klingt, aber ich habe tatsächlich schon immer gerne geschrieben. In der Schule habe ich manchmal die Strafarbeiten meiner Freundinnen übernommen – natürlich nur, wenn es sich um einen Aufsatz à la „warum ich im Unterricht kein Kaugummi kauen darf“ handelte, nicht etwa um Mathe oder Latein oder so was „Schreckliches“ – und ich habe schon als junges Mädchen angefangen, Tagebuch zu schreiben. Beruflich habe ich mein Leben lang mit Schreiben zu tun gehabt, irgendwie begleitet es mich also praktisch schon immer.

Wie ist die Idee zu Ihrem Roman „Schattenfreundin“ entstanden?

Als ich zum zweiten Mal schwanger war, kam mein erster Sohn gerade in die Kita. Dort gab es eine Mutter, die – wie ich es jetzt rückblickend einschätze – ihr Leben in der berufsfreien Zeit neu sortieren wollte und auf der Suche nach Kontakt war. Damals fühlte ich mich allerdings fast verfolgt von der Person, die mir bis zu zehn SMS am Tag schickte und vor der Kita grundsätzlich auf mich wartete. Überall wo ich war, schien auch sie aufzutauchen. Eines Tages war ich nun mit meinem Sohn auf dem Spielplatz. Ich suchte etwas in meiner Tasche und war für einen Augenblick abgelenkt. Und als ich mich wieder nach ihm umschaute, war er verschwunden. Während ich hektisch das ganze Gelände absuchte, sah ich den Wagen der besagten Mutter am Spielplatz vorbeifahren … Auch wenn mein Sohn nach zwei Minuten hinter einem Busch wieder auftauchte, kann man vielleicht nachvollziehen, was für ein Film in dem Moment in meinem Kopf ablief. Da war die Idee zur „Schattenfreundin“ geboren.

Wie sind Sie beim Schreiben des Kriminalromans vorgegangen?

Das Gerüst stand relativ schnell. Ich wusste, wie ich die Geschichte erzählen wollte, aber natürlich galt es eine Menge Details zu recherchieren. Ein alter Schulfreund von mir arbeitet bei der Kriminalpolizei. Ihn habe ich ausführlich befragt, wie die Polizei vorgeht, wenn ein Kleinkind verschwindet. Auch für den Mord – ich will nicht zu viel verraten – musste ich genau recherchieren und habe mit Medizinern und Gerichtsmedizinern gesprochen. Mit einem solchen Wissen verändert sich die Handlung dann manchmal automatisch und bekommt eine Dynamik, an die man vorher vielleicht gar nicht gedacht hatte. Man kann also nicht alles von Anfang an planen, aber doch recht vieles. Eine klare Struktur ist enorm wichtig.

Wussten Sie von Anfang an, wie die Geschichte ausgehen wird oder haben die Figuren ab einem gewissen Zeitpunkt eine Art Eigenleben geführt?

Ich wusste von Anfang an, wie die Geschichte ausgeht. Aber gewisse Dinge, zum Beispiel wie sehr eine Ehe unter dem Verlust eines Kindes leidet oder welche Ängste eine Mutter hat, deren Kind verschwindet, entwickelten sich tatsächlich erst so richtig beim Schreiben. Man hat vorher zwar eine gewisse Vorstellung davon, wie belastend es sein muss, aber erst wenn du die Szene schreibst, fühlst du den Horror förmlich.

Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?

Ich habe vier Monate an der „Schattenfreundin“ geschrieben. Danach kam noch die Lektoratsarbeit, die auch noch mal einige Zeit in Anspruch nahm und die ich sehr geschätzt habe. Gute Lektoren sind Gold wert. Ihre Arbeit wird aus meiner Sicht viel zu wenig gewürdigt.

Welche Rolle spielt die Stadt Münster als Schauplatz des Romans?

Ich bin in Osnabrück geboren und aufgewachsen. Ein Großteil meiner Familie stammt aus dem Münsterland, wo ich meine halbe Kindheit verbracht habe. Insofern sind mir Münster und das Münsterland sehr vertraut. Die Vorstellung, nach Jahren zurück in die Heimat zu kommen und sich dort als Fremde zu fühlen, war ausschlaggebend für die Wahl des Schauplatzes.

Seit über zehn Jahren sind Sie selbstständig und schreiben Drehbücher für Filme, Comedy- und Familienserien. Wie unterscheidet sich für Sie die Arbeit an einem Drehbuch im Vergleich zum Schreiben eines Romans?

Der größte Unterschied ist sicherlich der, dass ich jetzt keine Schauspieler und keine Kamera habe, die für mich Gefühle ausdrücken und Bilder einfangen können. Was sonst der Schauspieler durch Mimik und Gestik zeigt, muss ich jetzt beschreiben. Dafür kann ich aber auch viel freier agieren. Im Fernsehen, gerade bei Serien und Reihen, ist man natürlich in ein relativ straffes Korsett gezwängt. Man muss bereits bestehende Figuren und Plots bedienen, genauso wie man den Sehgewohnheiten der Zuschauer gerecht werden muss. Aber bei einem Roman ist das anders. Wenn ich möchte, dass eine Figur von A nach B geht, dann geht sie auch. Das macht ungeheuren Spaß.

Morden Autorinnen, Ihrer Meinung nach, in ihren Krimis anders als ihre männlichen Schriftstellerkollegen?

Das kann ich so nicht feststellen. Im wahren Leben ist es ja so, dass Frauen weniger brutal morden als Männer und zum Beispiel Gift dem Messer vorziehen. Aber wenn ich beispielsweise an Mo Hayder denke, in deren Krimis es ja unglaublich hart zur Sache geht, scheint mir das nicht auf die Autorinnen übertragbar zu sein.

Wird es weitere Fälle für das Ermittlerteam Schneidmann und Käfer geben?

Allerdings! Den zweiten Fall habe ich gerade fertig! Und für den dritten steht bereits das Gerüst.

Worin bestehen Ihrer Ansicht nach der große Erfolg und die Beliebtheit von Kriminalromanen?

Ich glaube, es sind zwei Dinge: zum einen ist es die Faszination des Bösen. Wir wollen verstehen, was Menschen dazu bewegt, etwas Schreckliches zu tun und der Kriminalroman liefert uns die Erklärungen, warum jemand zum Mörder oder Verbrecher wird. Zum anderen steht am Ende in der Regel die Aufklärung der Tat und es macht Spaß, als Leser mit zu ermitteln. Vielleicht ahnen wir eher als der Kommissar, wer der Täter ist, vielleicht deuten wir die Hinweise aber auch falsch und werden auf eine völlig falsche Fährte gesetzt – dieses Detektivspielen auf dem heimischen Sofa, im Bett oder wo wir uns sonst zum Schmökern zurückziehen, macht einfach richtig Spaß. Mir jedenfalls!

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