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Jahrzehntelanger Missbrauch in Darmstadt - niemand glaubte den Schülern

Credit: iStock. Kleiner Junge umarmt traurig seine Mutter.
Missbrauch: Sogar die Eltern glaubten den Kindern nicht. © Getty Images/iStockphoto, tatyana_tomsickova

Es passierte an einer Darmstädter Schule

Sexuellen Missbrauch über Jahrzehnte gab es in Deutschland nicht nur an der Odenwaldschule. Ein  Lehrer verging sich an einer Darmstädter Hauptschule 33 Jahre lange, von 1961 bis 1994, an mindestens 35 Schülern. Seine Opfer waren in der Regel Jungen, die kurz vor der Pubertät standen. Er flog über lange Zeit nicht auf, da er den guten Pädagogen gab und niemand den Schülern glaubte, die versuchten, sich zu wehren. Erst 2005 wurde der Lehrer verurteilt, 2008 starb er. In einem neuen Gutachten  wird der Fall nun in seinen ganzen Ausmaßen beschrieben. 

Missbrauchslehrer stellte Kindererzählungen als Erfindungen dar

Von Christiane Mitatselis

Das Darmstädter Gutachten stammt von den Juristinnen Martina Burgsmüller und Brigitte Tilmann, die schon den Fall der Odenwaldschule dokumentiert hatten. Im März 2015 beauftragte sie das hessische Kultusministerium auch mit der Aufarbeitung der Geschehnisse an der Elly-Heuss-Knapp-Schule in Darmstadt, an der der Lehrer Erich B. sein Unwesen getrieben hatte. Sie fanden viele ehemalige Opfer, werteten Tagebuchaufzeichnungen des Lehrers aus und fassten den Fall in einem 170 Seitenlangen Gutachten zusammen.

Demnach ging Erich B. äußerst planvoll vor. Er spielte nach außen den fortschrittlichen, mitfühlenden Pädagogen und lud seine Opfer oft zu sich nach Hause ein. Erüberzeugte Eltern sogar davon, Kinder bei ihm übernachten zu lassen – aus pädagogischen Gründen. Und so verging er sich von 1961 bis 1994 an mindestens 35 Jungen. Die Gutachterinnen gehen davon aus, dass es wahrscheinlich noch mehr Opfer gibt und dass sich viele nach der Veröffentlichung des Gutachtens melden werden.

Häufig soll sich Erich B. über Jahre an denselben Kindern vergangen haben. Und wenn sie sich wehrten, ihren Eltern von den Taten berichteten, gelang es Erich B. immer wieder, ihre Erzählungen als Erfindungen abzutun. Man glaubte ihm und nicht den Opfern, wohl auch, weil einige Kinder aus sozial schwächeren Familien stammten. Und der Lehrer sich als Ehrenmann zu verkaufen wusste.

Sowohl der Schulleitung als auch Staatsanwaltschaft werden Versäumnisse vorgeworfen. Erst 2005 wurde Erich B. zu vier Jahren Haft verurteilt, er starb 2008. Für die Opfer soll es jetzt Entschädigungen geben.

Der Fall liegt lange zurück, heute ist die Öffentlichkeit wohl sensibilisierter für das Thema.  Wahrscheinlich würden Hinweise von Kindern heute nicht mehr ganz so leicht ignoriert, wie vor 20 oder 30 Jahren. Und es gibt Beratungsstellen für Eltern und Jugendliche, etwa Zartbitter e.V. (www.zartbitter.de). Die Berater empfehlen, jeden Verdacht ernst zu nehmen und ihm nachzugehen.

Laut 'Zartbitter' sind zwei Drittel der Opfer sexueller Gewalt Mädchen, ein Drittel Jungen. Am häufigsten betroffen sind Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter. Oft verfügten die Täter über die Fähigkeit, besonders verletzliche Kinder, die sich kaum wehrten, zu erkennen und diese Verletzlichkeit auszunutzen.

Eltern, die einen Verdacht haben, sollten sich an eine solche Stelle wenden, ihre Mitarbeiter haben Erfahrung und können Situationen einschätzen. Sie finden schnell heraus, ob eine Sache ernst ist oder ob sich ein Kind womöglich etwas ausgedacht hat.


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