Italienischer Priester: Kinder am Missbrauch zum Teil selbst schuld

Italienischer Priester: Homosexualität sei eine Krankheit und Pädophilie fordere Vergebung
Aufgrund von unvertretbaren Äußerungen, wurde ein Italienischer Priester suspendiert © dpa, Jochen Lübke

Skandal-Statements zum Thema Pädophilie

Sarkasmus passt nicht zu einem Thema wie Missbrauch. Doch wenn wir über die Äußerungen eines italienischen Priesters schreiben, müssen wir uns in Sarkasmus fliehen. Wie sonst sollen wir mit derartigen Gedankenkonstrukten umgehen? Vernachlässigte Kinder, so sagte Gino Flaim, suchen schon mal die Nähe zu einer Vertrauensperson – im konkreten Fall einem Priester – und hoffen bei ihm auf Zuneigung. Tja, und dann gibt halt der ein oder andere Priester nach. Übersetzt soll das wohl heißen: Die Kinder verführen den Erwachsenen, der sie missbraucht.

Solche und ähnliche fragwürdige Statements gab der Priester in einem TV-Interview ab. Pädophile seien Sünder, die auf Vergebung hoffen könnten, Homosexuellen hingegen riet er, "darüber mit einem Arzt zu reden“. Immerhin: Für seine Äußerungen wurde der 75-Jährige sofort suspendiert und mit einem Predigtverbot belegt.

Es fällt schwer, nicht in polemische Ironie zu verfallen, wenn man die Ansichten des Italieners reflektiert, der sich im Übrigen wenig einsichtig zeigt und bereits angekündigt hat, am Sonntag wieder zu predigen – notfalls „in einer Bar“. Auf die Frage der TV-Reporterin, ob er glaube, dass bei Missbrauchsfällen auch die Kinder in irgendeiner Form verantwortlich seien, antwortete der Alt-Priester: „Ja, in vielen Fällen“.

Vergebung ist ein zentrales christliches Motiv. Der Versuch, den Täter freizusprechen, indem man die Schuld in die Verantwortung des Opfers gibt, wohl kaum. Dabei hat der Papst inzwischen die Haltung der katholischen Kirche klar definiert: "Ich verspreche, dass alle Verantwortlichen für sexuellen Missbrauch von Kindern bestraft werden. … Diese Verbrechen können nicht länger geheim gehalten werden.“ Er empfinde "tiefe Scham“, dass den Kindern Gewalt angetan worden sei und schwere Leiden verursacht worden seien. Gott weine angesichts dieser Taten, wird der Papst auf der Seite der deutschen Bischofskonferenz zitiert. In der Kirche "sei kein Platz für Missbrauchstäter“.

Und, so fordern wir, auch kein Platz für diejenigen, die diese Täter verteidigen, die vertuschen oder verschweigen. Die sofortige Suspendierung des italienischen Priesters kann ein Fingerzeig in diese Richtung sein. Die Äußerungen des Priesters hingegen zeigen, wie stark beängstigende "Moral“-Vorstellungen noch im Denken vieler verankert sind. Vermutlich nicht nur bei Priestern.

Der Teenager im kurzen Sommerkleid, die Frau, die abends um 22 Uhr allein unterwegs ist, die Mädchen und Jungen, die nach Hilfe suchen – sie brauchen Schutz, Zuneigung und Sicherheit. Niemand hat das Recht, ihre Lebenslust oder ihre Wehrlosigkeit zu missbrauchen. Und niemand sollte sich das Recht herausnehmen, diesen Missbrauch im Nachhinein zu rechtfertigen.

Derzeit tagt in Rom die zweite Bischofssynode zum Familienpastoral. Themen: Die Familie, Ehe, Kinder und Sexualmoral – unter anderem wird darüber gesprochen, ob Katholiken, die ein zweites Mal heiraten, zur Kommunion gehen dürfen und ob homosexuelle Paare den kirchlichen Segen erhalten sollen.

Als Ergebnis der Synode wünschen wir uns klare offene Worte - zu Verboten, die Gläubige in große Gewissenkonflikte stürzen. Aber vor allem auch zu Missbrauchsvergehen. Damit niemanden mehr eine Chance gegeben wird, derartige Taten herunterzuspielen.

Anzeige