Inzest: Geschwisterliebe bleibt in Deutschland verboten

Der EU-Gerichtshof wies die Klage zurück, dass das Inzestverbot gegen Menschenrechte verstoße.
Der EU-Gerichtshof wies die Klage zurück, dass das Inzestverbot gegen Menschenrechte verstoße. © dpa, IDECON-team

Europäischer Gerichtshof bestätigt Inzest-Rechtsprechung

Geschwister-Inzest bleibt strafbar! Der europäische Gerichtshof bestätigt, dass die Verurteilung und die Gefängnisstrafe für Patrick S. rechtens waren. Inzest ist eins der letzten Tabus unserer Gesellschaft: Von den Einen als verbotene Liebe romantisch verklärt, von anderen als perverse Blutschande geächtet. Zum Sex zwischen engen Verwandten hat jeder eine Meinung. Warum finden wir das eigentlich so verwerflich? Ist das ein angeborener Instinkt? Oder einfach nur anerzogen?

Von Dagmar Baumgarten

Patrick S. hat erst mit Mitte 20 seine damals 16-jährige Schwester kennengelernt, sich in sie verliebt und vier Kinder gezeugt. Ihm war auch bewusst, dass das "irgendwie nicht so in Ordnung war", wie er heute sagt. Aber er wusste nicht, dass es dafür wirklich Strafen gibt. Es sei doch seine private Sache, mit wem er sein Privat-und Intimleben verbringt, verteidigt er sich. So hat er auch versucht, vor Gericht zu argumentieren. Das sehen allerdings sowohl der Großteil der Gesellschaft als auch die Richter anders. Juristisch gilt es, "die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen". Und genau das ist auch das Hauptargument der Nichtjuristen: Inzest sei unnatürlich, der Sex zwischen engen Verwandten pervers. Und es gibt dafür ja auch einen vermeintlichen Beweis, nämlich, dass die Nachkommen überdurchschnittlich oft behindert seien.

Inzest kann zu Erbkrankheiten der Kinder führen

Und trauriger Weise bestätigt das Geschwisterpaar, das aktuell durch das neue Inzesturteil in den Schlagzeilen ist, auch genau dieses Klischee: Von den vier Kindern, die Patrick S. mit seiner Schwester gezeugt hat, sind zwei behindert. Bestätigt das den Volksmund, der sexuelle Kontakte zwischen engen Verwandten für krank hält? Wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass Kinder, die gemeinsam aufwachsen, ein sexuelles Desinteresse aneinander haben. Es gilt als wahrscheinlich, dass dies ein Schutz der Natur vor der Verbreitung von Erbkrankheiten ist. Denn je ähnlicher die Gene von Paaren sind, umso biologisch anfälliger ist der Nachwuchs.

Die Gegner des Inzest-Verbots haken ausgerechnet hier ein. Sie verneinen gar nicht, dass es ein erhöhtes Risiko für Behinderungen gibt. Aber sie sagen, dass man dann jedes Paar, das ein Risiko für Behinderungen beim Nachwuchs eingeht, bestrafen müsse. Also generell Frauen, die über 40 das erste Mal Mutter werden. Oder Träger von Erbkrankheiten.

Würde man das Inzest-Verbot kippen, würde es sicher nicht plötzlich eine Schwemme von Geschwisterpärchen geben. Die Wahrscheinlichkeit, das normal aufwachsende Geschwister wirklich intimes Interesse haben, ist so gering, dass es von der Gesellschaft als auffällig empfunden wird, wenn es eben doch der Fall ist. So ist auch der Fall von Patrick S. eher ein tragisches Einzelschicksal. Er wurde vom eigenen Vater misshandelt und wuchs seit seinem dritten Lebensjahr in Heimen auf. Seine Schwester ist viel jünger als er und geistig zurückgeblieben. Sie versteht wohl bis heute nicht, warum ihr Verhalten bei Vielen auf Unverständnis stößt.

Seit Jahrhunderten ist hierzulande Inzest nicht nur verpönt, sondern auch verboten. Dass sich das in der Gesellschaft so fest verankert hat, liegt wohl auch daran, dass es in allen Religionen als strafbare Sünde gilt. Es könnte allerdings sein, dass dieses Gesetz irgendwann geändert wird. Schon jetzt steht bei Geschwistern nur der direkte Beischlaf, also der Vaginalverkehr, unter Strafe.

Was immer unter Strafe bleiben muss und wird ist der Inzest, der mit einem Missbrauch einhergeht. Also zum Bespiel, wenn Eltern ihre Kinder sexuell belästigen oder missbrauchen. Das hat nichts mit einem Tabubruch zu tun, sondern ist und bleibt ein schweres Verbrechen.

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