Interview mit den Autoren

Interview mit den Autoren

Acht Fragen an Nicci French

Wie seid ihr auf die Idee für „Seit er tot ist“ gekommen?

Es waren eigentlich mehrere Sachen gleichzeitig. Wir wollten einen Roman über Trauer schreiben: Jeder kann sich damit identifizieren, wie es sich anfühlt, wenn der geliebte Partner stirbt. Und wir wollten den Plot der Geschichte parallel zu den verschiedenen Stadien des Trauerns laufen lassen: Ungläubigkeit, Schock, Wut usw. Doch der Roman nahm für uns erst Formen an, als wir die Idee für das erste Kapitel hatten: Ein Mann stirbt in einem Autounfall mit einer Frau, von der noch nie jemand etwas gehört hat … Was passiert dann?

Was für ein Typ ist die Heldin, Eleanor?

Sie scheint keine Angst zu haben. Wenn Ellie furchtlos ist, dann weil sie voller Trauer ist, sich verraten fühlt und gedemütigt, einsam, schockiert und unverstanden – da ist kein Platz mehr für Angst. Und wahrscheinlich ist ihr eine Zeit lang auch egal, ob sie lebt oder stirbt. Sie will die Wahrheit. Eines der Themen, die wir erforschen wollten, war Vertrauen. Entgegen aller Beweise, entgegen aller Ratschläge all ihrer Freunde, beschließt Ellie, Greg zu vertrauen. Sie vertraut ihm – was man in einer Ehe ja auch tun muss.

Würdet ihr sagen, dass „Seit er tot ist“ ein Thriller ist?

Es ist schwierig, einem Roman ein Etikett und Genre zu verpassen. In England nennen sie Nicci-French-Romane „psychologische Thriller“, in Holland „literarische Thriller“. Wir nennen sie einfach nur Romane. Sicherlich stimmt es, dass es eine krimiähnliche Handlung gibt und (so hoffen wir) macht es am Ende Klick mit einer befriedigenden erzählerischen Auflösung. Andererseits ist es uns sehr wichtig, dass in dem Buch eine andere Reise stattfindet: die Entwicklung der Heldin. Ellie verändert sich. Sie findet nicht nur heraus, was mit Greg passiert ist, sondern auch einiges über sich selbst. Wir wollen immer darüber schreiben, wie wir heute leben (wie es sich anfühlt, einsam, eifersüchtig, verraten, umsorgt zu sein) und das dann in eine Thrillerform gießen.

Warum habt ihr beiden begonnen, gemeinsam Romane zu schreiben?

SEAN: Wir hatten am Anfang unserer Ehe öfter darüber gesprochen. Wir wussten, dass es verschiedene Möglichkeiten der Zusammenarbeit gibt, uns interessierte aber vor allem, ob zwei Leute einen Roman mit einer einzigen Erzählstimme schreiben können, ob man wirklich eine neue Person erschaffen kann.

Wie handhabt ihr die gemeinsame Autorenschaft?
Setzt ihr euch zusammen und schreibt oder wechselt ihr euch ab?

NICCI: Es klingt sehr viel organisierter, wenn wir drüber reden, als es eigentlich ist; es ist recht chaotisch. Wir setzen uns nie hin und schreiben gemeinsam, die Vorstellung, dass einer dem anderen diktiert, ist Wahnsinn. Das würde einfach nicht gehen. Wir verbringen viel Zeit damit, alles durchzusprechen, die Form, die Geschichte, den Handlungsverlauf, die Entwicklung der Charaktere und vor allem die Stimme des Erzählers, die wir beide schreiben müssen. Und wenn wir damit zufrieden sind, fangen wir mit dem Schreiben an. Während des Schreibens kommen wir recht oft von unseren üblichen Plänen ab. Einer von uns beiden schreibt das erste Kapitel und gibt es an den anderen weiter, der damit tun und lassen kann, was er will: überarbeiten, kürzen, streichen, was hinzufügen. Dann schreibt er das zweite Kapitel und gibt es wieder dem Ersten zurück. So geht es dann zwischen uns hin und her. Wir beschließen nie im Voraus, wer welches Kapitel schreiben wird, es gibt keine Aufteilung.

SEAN: Wir denken, dass es nur funktionieren kann, wenn wir beide für alles verantwortlich sind, für jeden Teil, egal ob ich es geschrieben habe oder Nicci. Wenn wir für ein Buch Recherchearbeit leisten müssen, müssen wir beide recherchieren, wir müssen beide alles im Kopf haben.

NICCI: Wenn Sean etwas schreibt und ich es lese und gut finde und nichts daran ändere, wird es auch meins. Es wird eine Nicci-French-Kiste, so dass wir beide für jedes Wort darin verantwortlich sind.

Streitet ihr, wenn ihr schreibt?

SEAN: Die eigentlichen Diskussionen finden zu einem früheren Stadium statt, wenn wir beide die Geschichte ausarbeiten. Es dauert ziemlich lang, bis wir ein Thema finden, dass uns beide wirklich begeistert. Schließlich verbringt man ein Jahr seines Lebens damit, es muss also etwas sein, was wir uns beide zutrauen.

NICCI: Wir streiten nicht so sehr über den Text, der verändert wurde. Eher darüber, wer von uns Tee macht, wer mehr arbeitet, all die Zankereien, die alle Paare durchmachen. Aber wir gehen recht respektvoll miteinander um, was das Schreiben angeht. Außerhalb des Schreibens nicht so sehr!

Ihr habt ein Frauenpseudonym gewählt und alle eure Romane sind aus der Perspektive einer Frau geschrieben. Gibt es einen Grund dafür?

SEAN: Unser erstes Buch handelt von wiedergewonnener Erinnerung. 99 Prozent der Menschen, die ihre Erinnerung über Therapie zurückgewinnen, sind Frauen. Es musste also eine Frau sein. Sobald das klar war, schien es nur logisch, dass wir als Pseudonym einen Frauennamen wählen. Frauen haben inzwischen Unabhängigkeit und Gleichheit erlangt, eine nominelle Gleichheit, und dennoch ist vieles beim Alten geblieben. Es gibt so viele Arten von unerwartetem Druck, der damit einhergeht.

NICCI: Uns interessierte, dass es eine Art Gegenströmung zu geben scheint zu dem, was moderne Frauen sind: selbstbewusst, unabhängig, stark, ehrgeizig und trotzdem nach wie vor physisch verletzlich, verletzlich, für alles, was uns aus der Vergangenheit angreifen kann, die Gefühle, die konditioniert sind. Es gibt so was wie eine emotionale Verletzlichkeit und Intelligenz, eine sehr weibliche Form der Intelligenz, die uns eine gute Perspektive auf die Welt zu sein schien.

Seid ihr oft versucht, Themen, die euch wichtig sind, in eure Bücher aufzunehmen?

SEAN: Ich hoffe doch, dass all unsere Bücher von ernsten Themen handeln, die uns wichtig sind. Aber natürlich hat man auch eine schonungslose, amoralische Verpflichtung der Handlung gegenüber. Wenn es als Geschichte nicht funktioniert, dann muss man schon noch mal innehalten. Es gibt Dinge, für die man sich wahnsinnig engagieren möchte – politische Anliegen – und die man tatsächlich in die Handlung einbauen kann, aber wenn es nicht klappt, dann muss man es nochmals überdenken. 

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