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Interview mit Bestatterin Hanna Thiele-Roth - "Bei uns wird auch viel gelacht“

Bestatterin Hanna Thiele-Roth
Hanna Thiele-Roth ist Bestatterin in Bergisch-Gladbach bei Köln. Sie will aber keine teuren Särge verkaufen, sondern sieht sich als Dienstleisterin. Ihr Service: Hinterbliebenen beim Trauern helfen. Foto: Manfred Esser © Manfred Esser

Interview mit der Bestatterin und Trauerbegleiterin Hanna Thiele-Roth

Hanna Thiele-Roth ist die Tochter des ‚Rebellen-Bestatters‘ Fritz Roth. Der im Jahr 2012 Verstorbene dachte das Bestattungswesen völlig neu. Nicht mehr die von Verdrängung und vermeintlicher ‚Hygiene‘ geprägten Vorschriften des deutschen Bestattungsrechts sollten maßgeblich im Umgang mit Verstorbenen sein, sondern das Recht der Hinterbliebenen auf eine angemessene und individuelle Trauer. Folgerichtig gründete Roth unter anderem den ersten privaten Friedhof Deutschlands. Hanna Thiele-Roth führt das Bestattungshaus gemeinsam mit ihrem Bruder David im Sinn ihres Vaters weiter.

Was macht einen professionellen Bestatter aus?

Hanna Thiele-Roth: Ein guter, professioneller Bestatter sollte nach meinem Verständnis vor allem authentisch sein. Ein Mensch, der anderen Menschen in einer schwierigen emotionalen Situation hilft, damit ins Reine zu kommen. Das bedeutet, dass ich die Angehörigen auf alle Möglichkeiten, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, hinweise. Ich brauche ein offenes Ohr für die Wünsche der Hinterbliebenen und gebe ihnen vor allem drei Dinge: Zeit zum Realisieren, was geschehen ist, Zeit zum Abschiednehmen und auch den Raum, in dem das stattfinden kann. Bei uns ist das nicht so im 25-Minuten-Rhythmus wie anderswo durchgetaktet. Die Hinterbliebenen bekommen bei uns die Zeit, die sie brauchen. Dafür gibt es bei uns spezielle Abschiedsräume, da können die Angehörigen so lange bleiben, wie sie möchten. Das bedeutet zum Beispiel auch, dass wir Menschen, die etwa den Tod eines Kindes betrauern müssen, dieses Kind auch mal - wenn sie es wünschen - eine Woche bei sich zu Hause lassen können. Eigentlich geht das nach deutschem Recht nicht. Es schreibt vor, dass Tote spätestens nach 36 Stunden abgeholt werden müssen.

Was macht den Beruf des Bestatters für Sie attraktiv?

Hanna Thiele-Roth: Das wesentliche Kriterium ist für mich: Meine Arbeit ist nie die Gleiche. Ich muss mich jedes Mal neu auf Menschen einlassen. Weil jeder Mensch anders ist, eine andere Lebensgeschichte hat, ist auch seine Trauer und sein Umgang mit dem Tod des geliebten Menschen anders. Ich persönlich reise auch sehr gern. Das passt gut zum Angebot der Trauerreise, das wir gemeinsam mit TUI durchführen. Da reisen dann Trauernde einige Zeit nach der Bestattung mit anderen in der gleichen Situation und lernen gemeinsam mit dem Verlust umzugehen und auch wieder in einen lebenswerten Alltag hineinzufinden.

Haben Sie jemals an Ihrer Berufswahl gezweifelt?

Hanna Thiele-Roth: Als Jugendliche wollte ich mal eine Zeit lang Psychologin werden. Es war mir sogar gelungen, ein Praktikum in einer Forensischen Psychiatrie zu machen, wo wegen psychischer Störungen schuldunfähige Kriminelle gefangen gehalten werden.

Jeden Tag Trauer und Tränen: Wirkt sich das auf Ihre Laune aus? Und wenn nein, warum nicht?

Hanna Thiele-Roth: Es wirkt sich überhaupt nicht aus! Trauer hat viele Facetten. Tatsächlich lache ich mit den Hinterbliebenen auch sehr viel. Trauer ist doch nur der letzte Ausdruck der Liebe. Und deshalb sind die Erinnerungen, die hochkommen, meist sehr positiv.

"Das Thema Tod und Sterben ist überhaupt nicht präsent"

Haben Sie Momente erlebt, in denen Sie selbst so ergriffen waren, dass Ihnen die Worte fehlten?

Hanna Thiele-Roth: Klar, das kommt schon vor. Besonders, wenn Kinder gestorben sind und es sich um schlimme Schicksalsschläge handelt. Aber im Allgemeinen bin ich nicht die traurigste Person auf dem Friedhof. Ich bleibe ich selbst. Mein Beruf bringt eben eine hohe emotionale Amplitude mit sich.

Wie wappnen Sie sich gegen zu viel Empathie?

Hanna Thiele-Roth: Das muss ich gar nicht. Wenn ich in einer Situation weinen muss, dann weine ich, und dann ist es wieder gut.

Haben Sie Rituale, mit denen Sie Ihren Arbeitstag beginnen und beenden?

Hanna Thiele-Roth: Ich brauche morgens meinen Kaffee und danach auch eine Zigarette. Abends würde ich gerne meinen zwei Jahre alten Sohn regelmäßig ins Bett bringen, aber ich schaffe das leider nicht immer. Mein Bruder und ich sind Mitglied in etwa 120 Vereinen, da ist abends immer viel Programm.

Was unterscheidet Sie als Bestatterin des Bestattungshauses Pütz-Roth von anderen Bestattungshäusern?

Hanna Thiele-Roth: Ich sehe mich mehr als Dienstleister denn als Verkäufer. Ich sage nicht: Die Omi hatte ihr Wohnzimmer so schön in Eiche. Nehmen Sie doch den Eichensarg! Bei uns stehen eher die Angehörigen mit ihrer Trauer im Mittelpunkt, nicht der Verstorbene.

Haben Sie nach Feierabend ein besonderes Bedürfnis, zu lachen und das Leben zu genießen?

Hanna Thiele-Roth: Das würde ich nicht sagen. Ich genieße es, auf dem Sofa zu sitzen und mein Familienleben zu haben. Besonders gut ist mein Feierabend, wenn ich dazu komme, einen Krimi zu lesen.

Angenommen, Sie lernen im Urlaub nette Menschen kennen. Gibt es Irritationen, wenn Sie denen erzählen, dass Sie Bestatter sind?

Hanna Thiele-Roth: Ich glaube schon. Zunächst kommt oft ein kleines, verschämtes Lachen, und nach dem ersten Schock hören die Fragen kaum noch auf. Dann hat man keine Ruhe mehr. Es ist ganz klar: Das Thema Tod und Sterben ist in unserer Gesellschaft überhaupt nicht präsent. Sehr vieles ist unklar.

Das Interview führte Matthias Timm

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