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Intersexualität: Nicht Mann, nicht Frau, sondern "anderes"?

Intersexualität: Nicht Mann, nicht Frau, sondern "anders"?
Andrej Pejic © Reuters, GONZALO FUENTES

Ist Intersexualität ein drittes Geschlecht?

Intersexuelle Menschen sind körperlich nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen. Der Ethikrat schlägt nun neben männlich und weiblich die zusätzliche Geschlechtsbezeichnung „anderes“ vor. Damit sind die Probleme für die Betroffenen aber noch lange nicht gelöst.

Von Jutta Rogge-Strang

Top-Model Andrej Pejic erregte international großes Aufsehen, als er in Paris sowohl in Outfits für Männer als auch für Frauen über den Catwalk lief. "Manchmal fühle ich mich eher männlich und manchmal eher weiblich. Viele finden mich zurzeit sicher eher feminin, aber ich bin beides. Und fühle mich momentan sehr wohl damit", so Andreij in einem Interview.

Jeder zweitausendste Mensch in Deutschland wird als intersexueller Mensch geboren, insgesamt sind es schätzungsweise 80.000 bis 100.000 Personen. Das sind so viele, dass vermutlich jeder, ohne es zu wissen, schon einmal einem intersexuellen Menschen begegnet ist.

Unter dem Sammelbegriff "Intersexualität" werden eine Vielzahl von einzelnen Diagnosen zusammengefasst. Es gibt Menschen mit männlichen Chromosomen, die wie Frauen aussehen. Aber in ihrem Körper befinden sich männliche Keimdrüsen, nicht Eierstöcke und Uterus. Bei anderen intersexuellen Personen sind Merkmale beider Geschlechter mehr oder weniger stark ausgeprägt. Ein Beispiel hierfür ist eine Person mit männlichem Erscheinungsbild und männlicher Geschlechtsidentität, bei der in der Pubertät ein Brustwachstum einsetzt. Und es gibt Personen, die einen weiblichen Chromosomensatz haben, äußerlich weiblich sind und sich eindeutig als Frauen erleben, deren Klitoris jedoch bis zu der Größe eines männlichen Penis vergrößert sein kann.

Die Betroffenen haben bislang schwere medizinische Eingriffe erlitten, wurden schon als Baby wegen einer eindeutigen Geschlechtszuweisung operiert. Dass sich im Laufe der Pubertät oder ihres Lebens alles ändern könnte, haben Mediziner schlichtweg ignoriert. Es wurde viel fotografiert, viele Betroffene fanden sich nackt in Lehrbüchern wieder: "Solche Menschen wie dich hat man früher auf dem Jahrmarkt ausgestellt." Aufgeklärt wurden weder die Eltern noch die Betroffenen selbst.

Macht Intersexualität einen Menschen "anders"?

Manche intersexuelle Personen haben im Sport Höchstleistungen erbracht: Skifahrer Erik Schinegger errang 1966, mit 18 Jahren, den Weltmeistertitel in der Abfahrt - allerdings noch als Erika. Bei einer Speichelprobe kam heraus, dass Erika eigentlich ein Mann war. Heute lebt Erik als operierter Mann und ist Vater einer Tochter.

Die Südafrikanerin Caster Semenya gewann 2009 in Berlin die Goldmedaille im 800-Meter-Lauf. Bereits im Vorfeld wurde gemunkelt, dass Semenya möglicherweise intersexuell sei. Als Beweise sollten die ungewöhnliche Leistungssteigerung innerhalb nur eines Jahres, die tiefe Stimme und das maskuline Aussehen gelten. IAAF-Generalsekretär Pierre Weiss kommentierte die Zwangstests zur Geschlechtsbestimmung so: "Es ist klar, dass sie eine Frau ist, aber vielleicht nicht zu 100 Prozent." 2010 gab die IAAF bekannt, dass Semenya wieder bei den Frauen starten darf.

Intersexuelle Menschen sind in erster Linie Menschen. Aber operativ oder medikamentös zwangsweise auf ein Geschlecht eingeteilt, leiden die meisten von ihnen ihr Leben lang unter massiven psychischen und physischen Folgen. Operative Eingriffe lassen sich nicht rückgängig machen. Dazu kommt die Angst, erkannt, verhöhnt, diskriminiert und benachteiligt zu werden. Was ist ein Mann? Was ist eine Frau? Und wer bestimmt das, wenn es Zweifel gibt? Manchmal gibt es keine Eindeutigkeit. Kann man damit leben?

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