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Internationaler Frauentag: Wir brauchen diesen Tag immer noch!

Darum sind Frauen die Größten!
Darum sind Frauen die Größten! Frauenpower am Weltfrauentag 00:02:18
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Internationaler Weltfrauentag: "Heute für morgen Zeichen setzen"

Frauen wollen keine Sonderrechte! Sie brauchen nur die Rechte, die alle Menschen haben sollten. Der Gedanke ist nicht neu. Die deutsche Politikerin Clara Zetkin hat ihn 1910 auf einem Kongress formuliert – bereits ein Jahr später gingen Frauen in Deutschland, Dänemark, Österreich und der Schweiz auf die Straße, um genau dafür zu kämpfen: „Keine Sonderrechte, sondern Menschenrechte!“ Die Geburtsstunde des Internationalen Weltfrauentages – der Grande Dame der Frauenpolitik, die noch immer eine lange To-do-Liste abzuarbeiten hat.

Von Ursula Willimsky

Nicht umsonst haben die Vereinten Nationen den Weltfrauentag in diesem Jahr unter das Motto 'Planet 50-50 by 2030: Step It Up for Gender Equality' gestellt. In Deutschland lautet das Motto 'Heute für morgen Zeichen setzen!'. Aber brauchen wir diesen 8. März als offiziellen Erinnerungs- und Bekommt-den-Hintern-hoch-Tag überhaupt noch?

Uns geht es doch gut!? Wir dürfen wählen (seit 1918). Wir dürfen für unsere Arbeit Geld verlangen, ohne unseren Ehemann um Erlaubnis fragen zu müssen (seit 1977). Es ist klar, dass eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung ist, auch wenn der Täter der eigene Ehemann ist (seit 1997). Und Gleichberechtigung steht ja sogar als Auftrag an den Staat im Grundgesetz (seit 1994): "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin."

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat zum Weltfrauentag auf internationaler Ebene verglichen, wo Deutschland so steht, wenn es um Berufs- und Lebensumstände von Frauen geht – das Land schneidet nicht schlecht ab.

Politische Maßnahmen wie Elterngeld, Ganztagsschulen und Krippen-Ausbau haben einiges verändert – auch die Wahrnehmung. Mütter, die arbeiten gehen, werden nicht mehr so scheel beäugt wie früher. 2002 waren noch fast 40 Prozent der Westdeutschen der Meinung, dass Mütter von Kleinkindern nicht arbeiten gehen sollten, 2012 waren es nur noch 22 Prozent. In keinem anderen OECD-Land stieg die Erwerbsquote von Frauen seit 2000 so stark an wie in Deutschland.

Wobei mit arbeitenden Müttern meist Teilzeit-Mütter gemeint sind. Dass Mama Vollzeit arbeitet, findet nach wie vor nur vier Prozent (2002: ein Prozent) gut. Übrigens kein rein deutscher Gedanke: Auch viele Französinnen, Schwedinnen oder US-Amerikanerinnen würden gerne Teilzeit arbeiten, wenn es denn in ihren Ländern solche Jobs in ausreichender Menge gäbe.

Wer nur Teilzeit Geld verdient, hat mehr Zeit, sich unentgeltlich um Dinge zu kümmern: In Deutschland verbringen Frauen 269 Minuten mit unbezahlter Arbeit (Männer: 164 Minuten). Dafür verdienen Frauen im Schnitt nur in 181 Minuten am Tag Geld – die Männer in 282 Minuten.

Was auch darin liegt, so die OECD, dass Deutschland das einzige Land ist, in dem das Alleinverdiener-Modell steuerlich begünstigt wird. Dafür klafft hierzulande die Gehaltsschere nicht allzuweit auseinander – in familienpolitische Musterländer wir Frankreich oder Schweden ist der Gehaltsrückstand der Frauen oft größer.

Internationaler Weltfrauentag ist auch ein Tag zum Träumen

Ja passt doch! Was soll der olle Gedenktag noch? Na, er soll zum Beispiel daran erinnern, dass es noch viel zu viele Frauen und Mädchen gibt, für die eben die allgemeinen Menschenrechte nicht gelten. "Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist eine der am weitesten verbreiteten und systematisch begangenen Menschenrechtsverletzungen", formuliert es die Bundeszentrale für politische Bildung. Vor allem Frauen in Krisengebieten sind betroffen – aber nicht nur dort. Auch das Recht auf ein sicheres und selbstbestimmtes Sexualleben sowie auf Familienplanung ist auf dieser Welt nicht überall verankert. Ja, und auch Themen wie schlechtere Bezahlung von Frauen gehören auf diese To-do-Liste.

Der Weltfrauentag ist also immer noch und gerade wieder ein Tag, um aktiv zu werden. Um sich mit Themen wie Genitalverstümmelung, Zwangsehen, Ehrenmorden, mangelnder Schulbildung für Mädchen, Menschenhandel und so weiter und so fort auseinanderzusetzen.

Er ist aber auch ein Tag zum Träumen. Von einer Welt, die besser sein könnte als sie es derzeit ist. Dazu braucht es Visionen. Viele, viele Aktivitäten. Und ein paar Leute, die einfache, wichtige Gedanken laut formulieren. So wie es damals Clara Zetkin getan hat.

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