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Inklusion an Schulen: Behinderte und nicht-behinderte Kinder lernen zusammen

Inklusion in Deutschland
Inklusion schreitet in Deutschland voran. Doch die Theorie kann nicht immer in Praxis umgesetzt werden. © dpa, Uwe Anspach

Inklusion zwischen Wunschdenken und Sparkurs

Eigentlich ist die Idee ja gut: Behinderte und nicht-behinderte Kinder lernen zusammen und voneinander, die Gleichbehandlung ist ein Menschenrecht. Kinder mit Beeinträchtigung können sich an den anderen Kindern orientieren, die Kinder ohne Beeinträchtigung lernen, auf Schwächere Rücksicht zu nehmen und verbessern ihre Sozialkompetenz. Für die Kinder mit Behinderung gibt es individuelle Förderpläne, im gemeinsamen Unterricht werden die Aufgaben ebenfalls individuell verteilt. Wichtig ist: Alle sind zusammen und lernen gemeinsam, alle nach ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen. So weit die Theorie. In der Praxis sieht es dagegen oft bitter aus.

Jutta Rogge-Strang

Meine Tochter mit Down-Syndrom besucht seit acht Jahren inklusive Schulen. Warum auch nicht? Sie war schon als Kleinkind immer mit nicht-behinderten Kindern zusammen, in der Krabbelgruppe, in der Kita, auf der Straße beim Spielen. Sie hat früh gelernt, wie man sich im Umgang mit anderen Kindern benimmt: Mit ihnen zu spielen und zu kommunizieren und sie nicht immer nur zu umarmen oder zu küssen.

Natürlich sollte sie auf eine integrative Schule gehen, die sich auskennt mit der Integration. Ihre erste Grundschule in NRW war toll: 16 Klassen mit jeweils 20 Kindern, davon fünf SchülerInnen mit Beeinträchtigung, wurden von jeweils drei Lehrern unterrichtet. In den Pausen trafen sich die unterschiedlichsten Kinder, schlossen Freundschaften oder stritten sich wie die Besenbinder. Das war genau richtig, alle hatten dieselben Rechte und Pflichten. Allerdings war schon damals klar: Diese Schule ist eine positive Ausnahme – auch unter den Schulen in NRW.

Das bestätigte sich beim Umzug nach Berlin. In der neuen Grundschule gab es nur zwei Lehrerinnen in der Klasse, und die Schule hatte insgesamt nur etwa zehn Förderkinder. Auch hatte es sich in der Elternschaft noch nicht herumgesprochen, dass die Schule integrativ arbeitete. Das führte dazu, dass meine Tochter oft mutterseelenallein war. Ihr Klassenkamerad mit Behinderung ging in den Pausen lieber mit den anderen Jungs Fußball spielen, und andere Kinder wollten nichts mit ihr zu tun haben. Nach einem Jahr hatte sich meine Tochter angewöhnt, Selbstgespräche zu führen – leider bis heute.

Auf der weiterführenden integrativen Schule, die sie seit fast zwei Jahren besucht, hat sie einen großen Vorteil: In ihrer Klasse gibt es noch zwei andere Kinder mit Down–Syndrom. Meine Tochter ist glücklich, nie mehr alleine zu sein – und wir Eltern sind froh, dass sie während ihrer Pubertät echte Freunde um sich hat. Diese Dreier-Clique ist recht gut in die Klasse integriert, aber Freundschaften darüber hinaus entstehen leider nicht.

Abgesehen davon sind die Rahmenbedingungen für zielgerichtetes, individuell unterstütztes Lernen ziemlich schlecht. Seit der Berliner Senat die Umsetzung der Inklusion beschlossen hat, ohne dafür zusätzliche Mittel bereitzustellen und rechtzeitig ausreichend sonderpädagogisch geschultes Personal auszubilden, ist der Markt für Sonderpädagogen leer gefegt: Jede Regelschule hält sich jetzt ihre Sonderpädagogin oder ihren Sonderpädagogen – was dazu führt, dass an bislang integrativ arbeitenden Schulen kaum Ersatz zu finden ist, wenn Sonderpädagogen ausfallen.

Diese Mangelverwaltung hat dazu geführt, dass für die Integrationsklasse meiner Tochter derzeit nur eine halbe Sonderpädagogen-Stelle verfügbar ist und Lücken mit anders qualifizierten – wenn auch sehr engagierten und schnell lernenden – Hilfskräften gestopft werden. Und gerade erst hat wieder ein Sonderpädagoge die Schule verlassen – Richtung NRW, weil Lehrer dort (anders als in Berlin) verbeamtet werden und mehr verdienen.

Alternativen? Begrenzt bis nicht vorhanden

Und der Sparkurs geht weiter: Künftig soll pro Schule nur noch ein Sonderpädagoge arbeiten, der seine Kolleginnen und Kollegen im Unterricht und bei Fragen unterstützen soll. Wie, bitte, soll das denn gehen? Pro Kind muss halbjährlich ein individueller Förderplan erstellt werden. Darin ist genau und detailliert angegeben, was das Kind bereits kann und wo Defizite liegen. Der Sonderpädagoge an unserer Schule hat für diesen ersten Plan für drei Kinder volle zwei Monate gebraucht.

Hinzu kommt: Es sind gar nicht so sehr die Kinder mit offensichtlichem Förderbedarf, die problematisch sind. Kinder mit emotional-sozialem Problemhintergrund oder mit ADHS halten die Lehrer viel stärker auf Trab und absorbieren wichtige Ressourcen.

Für meine Tochter bedeutet das klare Abstriche bei der Integration: Weil es in der Klasse oft extrem unruhig ist und/oder Fachlehrer keine Ressourcen haben, Lernstoff auf das Niveau von geistig oder Lernbehinderten herunterzubrechen, wechseln die drei Jugendlichen mit Down-Syndrom häufig den Klassenraum und bilden im Nebenzimmer eine kleine Lerngruppe. Das funktioniert zwar technisch gut, ist allerdings nicht wirklich inklusiv.

Auch Material für eine integrative beziehungsweise inklusive Beschulung ist nicht ausreichend vorhanden. Das bedeutet also, dass sich der betreffende Lehrer noch zusätzlich um Material in leichter Sprache und mit abgespeckten Inhalten bemühen muss. Da der zweite Lehrer aber auch häufig als Vertretung im Einsatz ist, wird die Zeit knapp. Eine enge Personaldecke und geringe finanzielle Ressourcen erlauben es nicht, aus der ehemaligen Vorzeigeschule für Integration eine inklusive Schule zu machen.

Die Alternativen? Begrenzt bis nicht vorhanden. Eine Förderschule kam für uns nie in Frage, Tisch decken und Gurken schälen lernt meine Tochter bei uns zuhause. Ich will, dass sie Schreiben lernt, und vielleicht ein wenig Rechnen. Aber in Berlin wird durch den Sparkurs an den Schulen weiter die Zukunft unserer Kinder verfrühstückt – während an anderen Stellen der Stadt Prunkschlösser gebaut und Flughafen-Baustellen verwaltet werden. Da ist Inklusion nicht mehr als ein schöner und zu teurer Gedanke.

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