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Im Tal der Tränen: Warum Frauen weinen

Weinen
Vor allem Frauen befinden sich oft im Tal der Tränen © olly, olly - Fotolia.com

Sechzehn tränenreiche Monate im Leben einer Frau

Sechs Monate unseres Lebens sitzen wir auf der Toilette, nur läppische neun Monate verbringen wir damit, mit unseren Kindern zu spielen und satte 16 Monate verheulen wir im Lauf eines Lebens und vergießen dabei 100 Liter Tränenflüssigkeit. Ernsthaft! Ein kostbares, komplettes Jahr plus vier Monate verbringen wir Frauen im Tal der Tränen. Tja, wir sind eben geborene Heulsusen.

Von Merle Wutte

Zu diesem denkwürdigen Ergebnis kamen die Betreiber einer Internet-Seite bei einer Umfrage unter 3000 Frauen. Heulen wir als Kinder, Jugendliche und junge Frauen vor allem wegen Hunger, weil wir uns weh getan haben oder wegen Streitigkeiten mit Eltern und Freunden, bringen uns ab dem Alter von 25 die Trennung vom Partner, schlechte Nachrichten und Müdigkeit zum Weinen. Und damit sind wir wieder an dem Punkt, an dem wir bereits als Babys waren - auch damals schrieen und weinten wir vor allem vor Erschöpfung und Müdigkeit.

Tränen sind die bessere Medizin

Manchmal tun wir es auch mit den Kindern zusammen. Ich weiß noch, wie ich eines Sommerabends zu Hause mit meinem Babysohn auf der Couch saß. Der Mann war nicht da, das Kind schrie und schrie und schrie, obwohl es gerade gegessen und eine frische Windel bekommen hatte und von mir herum getragen worden war. Es gab also keinen Grund zu heulen. Aber auch hier sind sich Babys und erwachsene Frauen sehr ähnlich – sie brauchen keinen Grund. Sie weinen einfach. Weil irgendwas in ihnen sich gerade „nicht gut fühlt“, weil die Eisbären aussterben, die Schokolade alle ist oder weil sie alte Kinderfotos anschauen. Ich ließ jedenfalls an diesem Abend auch Wasser, und heulte und heulte und heulte.

So saßen wir also auf der Couch und weinten. War das schön. Und so befreiend. Erst fühlte ich mich erschöpft, ausgelaugt und leer. Nach zehn Minuten intensiven Weinens fühlte ich mich noch leerer, aber so leicht wie ein Ballon. Alles war raus. Das Genervtsein, die Unsicherheit, alles weg. Mein Sohn schluchzte leise vor sich hin und schlief schließlich friedlich ein. Ich tat es ihm nach. Wir beide hatten gerade erfolgreich Psychohygiene betrieben.

Wer das Gefühl hat, weinen zu müssen, soll die Tränen laufen lassen, raten Psychologen. Sie helfen uns, unsere Emotionen zu regulieren. Denn Tränen zeigen die eigene Hilflosigkeit und Überforderung in einer Situation. Und da sie sich ohnehin nur schlecht in Schach halten lassen, bringt es nichts, sie verstecken zu wollen. Weil wir uns durch unser Weinen aber nach außen ganz eindeutig schwach zeigen, versuchen wir oft heimlich zu heulen oder das Gefühl ganz zu unterdrücken.

Wer heult, der fühlt

Im Tal der Tränen: Warum Frauen weinen
Wer heult, der fühlt © kmiragaya - Fotolia, Karel Miragaya

Ich hatte mal eine Freundin, die fing schon an zu heulen, wenn sie einen toten Marienkäfer auf dem Weg liegen sah – zugegeben, das hat genervt. Andererseits beneide ich sie heute ein bisschen, denn Menschen, die nah am Wasser gebaut sind, können ihre Gefühle offener und leichter zeigen, als andere, sagt die Psychologie. Und das ist in einer Welt wie unserer, in der man funktionieren soll und nicht angreifbar sein darf, doch eigentlich eine ganz schöne Sache. Wer den Kloß im Hals immer nur stecken lässt, ohne ihn mal ordentlich rauszuheulen, bekommt irgendwann ein Magengeschwür oder Schlimmeres. Mir fällt Weinen bis heute schwer, deswegen gehe ich zum Heulen gern ins Kino. Da ist es dunkel, man hat einen triftigen Grund, alle heulen heimlich und schämen sich. Und nach dem Film freut man sich doppelt über das Glück in seinem Leben. Ich muss gleich mal schauen, was diese Woche läuft...

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