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"Ignore no more": Ist die neue Erziehungs-App sinnvoll oder übertrieben?

Die App zwingt Kinder, die Anrufe ihrer Eltern anzunehmen

Klingelingeling, hier kommt... nein, nicht der Eiermann, sondern die liebe Frau Mama! Doch wenn das Smartphone surrt und auf dem Display die Nummer von Zuhause erscheint, ignoriert der Nachwuchs lieber das Klingeln als ans Telefon zu gehen. Schluss damit, sagte sich eine genervte Mutter und entwickelte eine noch nervigere App.

"Ignore no more": Ist die neue Erziehungs-App sinnvoll oder übertrieben?
Mama ignorieren? Mit der "Ignore no more"-App unmöglich! © Markus Bormann - Fotolia, Markus Bormann

Von Merle Wuttke

"Ignore no more" – "Ignorieren unmöglich" lautet der Name der App, die die Amerikanerin und Ex-Soldatin Sharon Standifird entwickelt hat. Reagiert das Kind nicht auf den elterlichen Anruf, blockiert die Anwendung sofort alles, was sonst für Spaß sorgt (soziale Netzwerke, Spiele usw.). Dann kann nur noch die Polizei angerufen werden – oder eben Mama. Und in so einem Fall überlegt kein Teenie dreimal, ob er Muttis Anruf wegdrückt, sondern geht lieber gleich brav ans Telefon, um zu berichten, wo er gerade steckt.

Für überbesorgte Helikopter-Eltern (das sind die, die immer wissen wollen, wo ihre Kinder was gerade treiben, weil die Welt, wie wir wissen, voll ist mit Serienmördern) kommt diese App insofern also dem Fund des Heiligen Grals nahe – die Totalüberwachung ihrer Kinder kann endlich auch völlig unproblematisch am Telefon stattfinden, und sie sind nun immer über hochinteressante Dinge informiert. Etwa darüber, dass die Tochter gerade das fünfte Paar Sneakers im Laden anprobiert, der Sohn mit dem Kumpel ein Wettpopeln veranstaltet oder den Bus verpasst hat. Ganz sicher tragen Telefonate dieser Art enorm zur Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung bei.

Das Aus des schweigsamen "Pubertiers"

Andererseits übt die App auch auf Eltern einen gewissen Reiz aus, die weniger an den banalen Nachmittagsaktivitäten ihrer Teenie-Kinder sind, sondern die schlicht und einfach mal nach Monaten des Schweigens gern wieder ein gemeinsames Gespräch führen möchten. Schließlich verläuft die Kommunikation mit dem Pubertierenden zu Hause in der Regel eher einseitig und wird höchstens durch Lautäußerungen seitens des Kindes wie „Hmhm“, „Oh nee!“ oder durch nonverbales Nicken oder Kopfschütteln bereichert.

In diesem Falle könnte die App tatsächlich wieder ein lang ersehntes echtes Gespräch zustande bringen, wenn auch nur am Telefon und nun ja, erzwungenermaßen. Birgt allerdings die Gefahr, dass Tochter oder Sohn danach lieber gänzlich auf das geliebte Smartphone verzichten, um sich dem familiären Zugang bloß weiterhin entziehen zu können. Und so war es ja dann auch wieder nicht gedacht...

Das einzig Sinnvolle an der Idee scheint also vor allem eins zu sein: die erzieherische Maßnahme, die dahinter steckt. Denn nach spätestens dem dritten Anruf von Mama samt Komplettblockade des Telefons hat das Kind gelernt, dass es sich nicht gehört, seine Eltern zu ignorieren und die Eltern haben verstanden, dass sie ihrem Kind in der Regel vertrauen können und – dass sich Gespräche viel besser beim Abendbrot führen lassen. Von Angesicht zu Angesicht.

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