LIEBE LIEBE

Ich vermisse ihn so: Warum Sehnsucht nach dem Partner so wichtig ist

Liebesexpertin Birgit Ehrenberg
Liebesexpertin Birgit Ehrenberg kennt sich aus.

Ist es wichtig, dass man sich permanent nach dem Partner sehnt?

Ich möchte mich einem Thema widmen, das mir besonders am Herzen liegt. Es geht um die gute alte Sehnsucht, die meines Erachtens mehr und mehr ein Schattendasein fristet. Das war in anderen Epochen unserer Geschichte komplett anders, in der Romantik zum Beispiel haben sich die Menschen gesehnt ohne Ende, die Sehnsucht war das Lebenselixier der Liebe. Zum Sehnen gehörte, die Sehnsucht in Worte zu fassen, sie beim Namen zu nennen, Briefe zu schreiben, in diesen quasi die „Hosen herunter zu lassen“, indem man deutlich aussprach: Ich brauche Dich! Ich will mit Dir sein! Mein Herz zieht sich zusammen, wann sehen wir uns endlich wieder?

Ich finde es mutig, zuzugeben, dass der Geliebte oder die Geliebte einem mächtig fehlt. Ich erlebe oft, dass selbst Paare, die sich wirklich lieben (das behaupten sie zumindest) eine Mentalität an den Tag legen, die man auf die Formel bringen kann: Komme ich heute nicht, komme ich morgen. Immerhin, wenn sich zwei mit dieser laschen Art einig sind, sollen sie glücklich werden, ob das nun feige ist oder nicht.

Was aber, wenn der eine sich viel sehnt, und der andere sehnt sich nicht? Das ereignet sich leider viel häufiger als Einigkeit über das Maß der Sehnsucht. Ich könnte rigide behaupten: Wenn einer sich nicht kräftig sehnt, liebt er nicht wirklich. Aber ich muss auf alle Fälle der Ära, in der ich lebe, über die Liebe philosophiere und über die Liebe schreibe, gerecht werden – also den Zeitgeist aufnehmen.

Ich kenne durchaus Frauen und Männer, die lausig im Sehnen sind und die mir beteuern, dass es nicht an mangelnder Liebe liegt. Ich versuche, mich auf deren Empfinden einzustellen und jongliere mit dieser Erklärung: Der Nicht-Sehner hat ein anderes Zeitgefühl und überdies eine andere Auffassung von der Liebe. Er nimmt die Dinge, wie sie kommen. Er genießt im Hier und Jetzt, dann ist er präsent, dann gibt er alles, dann erfährt sein Gegenüber seine ganze Liebe. Ist der Moment vorbei, geht der Nicht-Sehner in seinen Alltag, wäscht sein Auto, bügelt sein Hemd oder seine Bluse, bohrt in der Nase – und denkt nicht mehr an den Menschen, den er liebt.

Sehr wohlwollend betrachtet könnte man sagen, dass der Nicht-Sehner also ausgezeichnet mit sich allein klar kommt, er fühlt keine Leere, er sieht das Dasein grundsätzlich positiv und wenn er in Paderborn ist und der geliebte Mensch in Wuppertal, ist das eben so. Fazit: Wer mit einem Nicht-Sehner zusammen ist, soll sich keine Sorgen machen, der Nicht-Sehner macht sich ebenfalls keine, damit ist der Drops gelutscht, die Liebe ist da, die Sehnsucht nicht. Ende Gelände.

Ich muss gestehen, dass mich das Schreiben dieser Zeilen irre anstrengt. Ich finde nämlich das, was ich hier verzapfe, eigentlich saublöd, Zeitgeist hin, Zeitgeist her.

Gott sei Dank bin ich nicht in der politischen Berichterstattung tätig, sondern als Kolumnistin. Ich darf also ehrlich meine persönliche Meinung sagen. Dieses Nicht-Sehnen kann von mir einfach nicht neutral bewertet werden. Ich fürchte, dahinter steckt eine Art von Leidenschaftslosigkeit, die mich irritiert.

Ich hatte auch schon einen Nicht-Sehner an meiner Seite, er war ein toller Mensch, er war viel wert und ist es noch, ich habe es mit ihm versucht, leicht war das nicht. Und es ist doch immer angenehm, wenn die Liebe leicht ist...

Die Sache hielt sich nicht, die Liebe war nicht gleich raus, aber die Luft, die Energie, der Eros. Die meisten Menschen meinen, der Eros, wie ihn Platon gedacht hat, habe etwas mit Erotik zu tun, mitnichten. Der Eros, das ist Kraft und Wille, das ist pi mal Daumen Sehnsucht. Fällt die weg, fällt früher oder später auch die Liebe weg.

Vielleicht kann man das üben, die Sehnsucht? Ich bin überzeugt, jeder Liebende trägt sie in sich. Man muss sie nur zulassen, das ist der Trick. Man braucht dazu eben Mut. Liebe, wahre Liebe, ist einfach nichts für Feiglinge.

Sehnt Euch schön, Eure Birgit

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