LIEBE LIEBE

"Ich mache das nur für mich": Warum dieser Satz in puncto Schönheit oft nur eine Lüge ist

Birgit Ehrenberg über die Optimierung der Frauen
Diät, Botox und Co.

Von der Qual vieler Frauen

Ich gelte gemeinhin als ehrliche Haut, als gutmütige Frau – und als überhaupt nicht stutenbissig. Ich bin eine sogenannte „Frauen-Frau“, ich hatte schon als Kind so viele Freundinnen wie kein anderes Mädchen in der Schule, meine Mutter behauptete, es seien 30 an der Zahl gewesen, das ist natürlich übertrieben.

Bis auf ein wirklich fieses Mädchen waren meine Freundinnen wirklich hinreißend freundschaftlich, sie waren mir gewogen und treu ergeben, und ich habe es ihnen mit der gleichen Treue und Hingabe vergolten. Obwohl man ja eigentlich in der Freundschaft und in der Liebe nicht aufrechnet, das war auch nie meine Maßgabe. Ich würde eher sagen, alles ist irgendwie geflossen, sehr schön geflossen, die Wärme, die Zuneigung, die Hilfsbereitschaft in Krisenzeiten, die Freude in guten Zeiten.

Trotz meiner Loyalität ertappte ich mich neulich bei einem schlimmen Gedanken. Ich sah eine Freundin und dachte: Die könnte auch mal was machen lassen – und zwar im Gesicht. Pfui, sofort überkam mich Scham und Reue. Wie konnte ich über eine andere Frau so etwas Beklopptes denken? Dann noch über eine Freundin? „Nur“, weil ich bemerkt hatte, dass ihre Lider, die immer schon Schlupflider waren, nun noch mehr „geschlupft“ wirkten und meine Freundin müde aussehen ließen.

Ich verstand mich nicht. Wie oft lästere ich über Jugendwahn? Immer! Klar, ich pflege mich auch, aber ich stehe zu meinem Alter. Ich weiß sehr genau, dass eine jugendliche Haut leider nichts mit dem Glück zu tun hat, schon mal gar nicht mit Liebesglück. Deshalb spare ich mir übertriebenen Aufwand mit meinem Äußeren. Ehe ich eine Maske auflege, denke ich an all die Frauen, die sich total ins Zeug legen mit Haut und Haaren – und trotzdem keinen Mann finden, der sie wahrhaft liebt. Und diese einsamem Frauen suchen die Schuld bei sich und denken: Ich bin zu alt, ich bin zu hässlich.

Eine Lüge: ich tue das einzig und allen für mich

Da lag der Hase im Pfeffer, das wurde mir in diesem Moment klar. Ich hatte meine Freundin gar nicht mit meinen Augen gesehen, sondern mit den Augen, mit denen sich Frauen oft sehen. Sie sehen sich mit den Augen eines Mannes und sind dabei furchtbar streng mit sich. Dabei sind Männer fast immer sehr gütig, wenn sie eine Frau anschauen, vor allem, wenn sie sie lieben.

Trotz dieses grundsätzlichen ästhetischen Wohlwollens von Männerseite aus sind Frauen unermüdlich dabei, sich auf die verschiedensten Weisen selbst zu optimieren. Diät, Botox, Face-Lifting. Das Leben vieler Frauen ist eine Qual, und sie ertragen die Marter und behaupten noch, dass sie sich für sich selbst quälen. Wie oft habe ich schon diesen Satz gehört: Mein Mann findet mich richtig toll, ich finde mich allerdings viel zu dick, ich will abnehmen, ich tue das einzig und allen für mich, nicht für meinen Mann.

Dieser Satz ist eine Lüge, eine Selbst-Täuschung. Die ganze Selbst-Optimierung ist eine Täuschung. Es hat sich so etwas wie ein „Common Sense“ gebildet, wie eine Frau auszusehen hat, damit sie glücklich leben und lieben kann: Faltenfrei, schlank, straff bis in jede Pore.

Dieser Irrsinn ist entstanden im Bewusstsein von Frauen, weil sie oft die Neigung haben, sich selbst runter zu machen. Sie sabotieren ihr Selbst. Und ich hätte hier fast mitgespielt!

Nachdem ich für einen kurzen Moment geschwächelt hatte, sah ich meine Freundin noch einmal an und nahm die Schlupflider nicht mehr wahr. Ich sah eine schöne Frau.

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