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Hysterektomie: Ausweg Gebärmutterentfernung

Erste Geburt nach Gebärmutter-Transplantation
Erste Geburt nach Gebärmutter-Transplantation Medizinische Sensation in Schweden 00:01:30
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Angst vor einer Gebärmutterentfernung

"Totaloperation", ich kann mich gut an früher erinnern, als dieses Wort hinter vorgehaltener Hand und mit bestürzter Miene getuschelt wurde. Ein Thema, über das damals nur Frauen im Alter meiner Oma sprachen. "Total" und "Operation", das klang final, das klang schrecklich, das klang nach Tabu. Damals, das war Ende der 70er und ich noch ein Teenie. Doch auch heute treibt der Begriff "Gebärmutterentfernung" - in der Fachsprache Hysterektomie oder Uterusexstirpation genannt - selbst erwachsenen Frauen den Angstschweiß auf die Stirn. Denn: Wer von uns mag sich schon von einem Organ trennen? Geschweige denn von einem, in dem die eigenen Kinder herangewachsen sind - oder heranwachsen könnten ... 

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Hysterektomie
Hysterektomie - wenn die Gebärmutterentfernung der letzte Ausweg ist © SENTELLO - Fotolia, Patrik Skovran - SENTELLO Fotogr

Von Daniele Erdorf

Was also steckt hinter diesen Vokabeln? Ist eine Totaloperation das Gleiche wie eine Gebärmutterentfernung? Wann ist dieser Eingriff überhaupt notwendig? Setzen mit einem Schlag die Wechseljahre ein? Was macht das mit der Psyche? Und: was ist mit dem Sex danach? Ich habe diese und andere Fragen Professor Dr. Klaus Joachim Neis gestellt und mir von der 46-jährigen Management-Assistentin Anneke berichten lassen, wie ihre Erfahrungen mit der Gebärmutterentfernung waren. Klaus Joachim Neis arbeitet im Saarbrücker Zentrum für Gynäkologie, Onkologie und Geburtshilfe 'Frauenärzte am Staden'. Er ist federführender Koordinator der Leitlinie zur Gebärmutterentfernung im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. 

Eine Hysterektomie ist meist die letzte Wahl

Durchschnittlich werden in Deutschland zwischen 100.000 und 150.000 Hysterektomien jährlich vorgenommen. "Die Gebärmutterentfernung", so Prof. Dr. Klaus Joachim Neis, "ist die fünfthäufigste Operation bei Frauen überhaupt". Die überwiegende Zahl der Patientinnen ist zum Zeitpunkt des Eingriffs 40 Jahre oder älter. Etwa 90 Prozent der Hysterektomien wird bei gutartigen Beschwerden, beispielsweise Myome, Menstruationsstörungen, die sich nicht hormonell behandeln lassen, chronischen Schmerzen oder lang andauernden, starken Blutungen vorgenommen. Klaus Joachim Neis: "Auch gutartige Veränderungen der Gebärmutter können einen hohen Leidensdruck mit sich bringen und den Eingriff erforderlich machen". "Allerdings", so der Gynäkologe weiter, "haben wir heute für viele Erkrankungen Behandlungsalternativen. Dann ist die Hysterektomie meist die letzte Wahl".

So wird in vielen Fällen zunächst eine Hormontherapie versucht. Diese kann durch Einnahme von Tabletten oder durch lokale Gaben, beispielsweise mit einer Spirale erfolgen, die Gelbkörperhormone direkt in die Gebärmutterschleimhaut abgibt. Bei gewissen Formen von Blutungsstörungen kann die Gebärmutterschleimhaut mit der so genannten Endometriumablation abgetragen werden. Frauen sollten sich gründlich von ihrem Gynäkologen beraten lassen, ob diese Behandlungsform in ihrem Fall erfolgversprechend ist. Myome lassen sich häufig isoliert operieren, ohne gleich den gesamten Uterus heraus zu nehmen. Neis: "Wichtig ist zu wissen, dass Frauen, bei denen Myome diagnostiziert wurden, nicht unbedingt eine Hysterektomie bevorsteht. Der Uterus myomatosus ohne Beschwerden ist kein Grund für die Entfernung einer Gebärmutter. Da diese Muskelgeschwulste gutartig sind, können sie zusammen mit dem Uterus im Körper verbleiben."

Gründe für eine Gebärmutterentfernung

Hysterektomie: Ausweg Gebärmutterentfernung
Hysterektomie - wenn die Gebärmutterentfernung der letzte Ausweg ist © picture-alliance/ dpa, Patrick Pleul

- Bösartige Erkrankungen wie Karzinome (Krebsgeschwülste) des Gebärmutterkörpers, des Gebärmutterhalses oder der Eierstöcke. 

- Bösartige Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut.

- Myome (gutartige Gebärmuttergeschwülste), die Beschwerden verursachen.

- Endometriose (Wucherungen der Gebärmutterschleimhaut), außerhalb der Gebärmutter oder im Muskel der Gebärmutter, die nicht anders zu therapieren sind. Das gilt allerdings nur, wenn kein Kinderwunsch besteht.

- Funktionelle Erkrankungen, wie schwere Menstruationsstörungen und häufige Blutungen, ohne andere Therapiemöglichkeiten. 

- Uterusprolabs (Gebärmuttervorfall). Wenn der Halteapparat der Gebärmutter und die Beckenbodenmuskulatur zu schwach sind, um die Gebärmutter in ihrer Position zu halten, kommt es zu einer Gebärmuttersenkung oder einem Vorfall. Dabei rutscht der Uterus ab und stülpt sich in die Scheide. Der Prolaps kommt fast ausschließlich bei älteren Frauen vor. Nur die Schwere des Vorfalls ist entscheidend für die Frage, ob eine Hysterektomie durchgeführt werden muss. In allen anderen Fällen, in denen lediglich eine Harninkontinenz vorliegt, ist die Entfernung der Gebärmutter nach heutiger Auffassung nicht mehr zwingend erforderlich.

- Sehr selten bei Verletzungen oder Entzündungen des Uterus sowie nicht stillbare Blutungen nach einer Geburt.

Vor allem jüngere Frauen sollten sich nur operieren lassen, wenn alle anderen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind. "Lassen Sie sich bei gutartigen Beschwerden ausführlich von ihrem Gynäkologen beraten und nehmen Sie sich Zeit für die Entscheidung", empfiehlt Neis. Wenn noch Kinderwunsch besteht - und sei es auch nur latent  - rät er dringend von der Entfernung der Gebärmutter ab, da gerade bei diesen Frauen das Risiko für spätere psychische Probleme steigt. Aber auch in allen anderen Fällen muss eine gründliche Abwägung erfolgen. Neis: "Es hat sich aus meiner Sicht bewährt, Frauen in erster Linie nur zu beraten. Die letzte Entscheidung, über den Eingriff muss die Patientin selbst treffen."  

Es gibt jedoch auch positive Effekte nach einer Hysterektomie zu verzeichnen: "Viele Frauen fühlen sich anschließend wohler und haben eine verbesserte Lebensqualität, weil es die gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht mehr gibt", weiß der Arzt aus Erfahrung.

Wann ist eine Totaloperation notwendig?

Die Gebärmutterentfernung kann in unterschiedlichem Umfang erfolgen und hängt von der Diagnose im Einzelfall ab. Zum einen kann die Gebärmutter samt Gebärmutterhals herausgenommen werden (totale Hysterektomie) zum anderen können Teile des Uterus erhalten bleiben, dann entnimmt der Arzt den Gebärmutterkörper und belässt den Gebärmutterhals (suprazervikale Hysterektomie). Seltener wird lediglich der Gebärmutterhals entnommen und der Uterus erhalten (Trachelektomie). Dies ist bei frühen Formen des Gebärmutterhalskrebses möglich, wenn noch Kinderwunsch besteht.

Bei bösartigen Erkrankungen kann auch eine erweiterte Operation nötig sein, bei der neben dem Uterus, der Uteruskörper, der Gebärmutterhals, die Eierstöcke und gegebenenfalls  auch der Halteapparat der Gebärmutter sowie die Lymphknoten entfernt werden müssen. Diese Form der Hysterektomie ist auch als Totaloperation bekannt.   

Operationsmöglichkeiten bei einer Hysterektomie

Hysterektomie: Ausweg Gebärmutterentfernung
Nach einer Hysterektomie sind die meisten Frauen endlich wieder schmerz- und beschwerdefrei.

Es gibt verschiedene Vorgehensweisen bei der Uterusexstirpation. Teilweise werden Operationsmethoden auch kombiniert. Klaus Joachim Neis: "Wie operiert wird, richtet sich im Einzelfall nach Größe und Beweglichkeit der Gebärmutter, Vor- sowie Begleiterkrankungen der Patientin und den anatomischen Verhältnissen. Außerdem spielt die Erfahrung des Operateurs mit der jeweiligen Technik eine Rolle."

Vaginale Hysterektomie - Organentnahme über die Scheide: "In Deutschland, Österreich und der Schweiz werden über 50 Prozent aller Hysterektomien durch die Vagina durchgeführt. Das hat seinen Grund in der Entwicklungsgeschichte dieser Operationsmethode. In Frankreich, Großbritannien und in den USA sind es nur 25 Prozent. Hier wird daher häufiger abdominal (über den Bauch) oder laparoskopisch operiert", erläutert Klaus Joachim Neis.

Laparoskopisch assistierte vaginale Hysterektomie: Hier wird der Zugang über die Bauchspiegelung mit dem Zugang über die Vagina kombiniert. So kann auch bei deutlich vergrößerter Gebärmutter ohne Bauchschnitt operiert werden. Laparoskopische Hysterektomie: Der Eingriff erfolgt minimal invasiv durch eine Bauchspiegelung. Dabei werden unter Narkose über einen kleinen Hautschnitt Instrumente in die Bauchhöhle eingeführt, mit denen das Organ entnommen wird. Um die Operation zu erleichtern, wird ein Kohlendioxid-Gas in den Bauchraum geleitet, das die Bauchdecke anhebt.

Die suprazervikale Hysterektomie erfolgt in der Regel auch laparoskopisch, allerdings verbleibt der Gebärmutterhals im Körper der Frau. Abdominale Hysterektomie: Bei dieser OP wird ein Schnitt durch die Bauchdecke gemacht. Dies ist der Eingriff mit der stärksten Belastung und längsten Rekonvaleszenzdauer. Außerdem bringt er größere Narben als ein laparoskopischer Eingriff mit sich.

"Die Verweilzeiten im Krankenhaus sind inzwischen deutlich kürzer", berichtet Prof. Dr. Neis. "Vor 10 bis 15 Jahren mussten die Patientinnen noch mehr als zwei Wochen auf Station bleiben, heute können sie meist nach drei bis fünf Tagen entlassen werden". Der Heilungsprozess dauert aber nach wie vor einige Wochen. Inwieweit sich die Patientin in dieser Zeit schont oder schonen muss, hängt von den individuellen Bedingungen ab. Prof. Dr. Neis:  "Es gibt Sportlerinnen, die können nach zwei Wochen schon wieder einen  Marathon laufen."

Risiken und Auswirkungen der Hysterektomie

Die Hysterektomie ist mit Risiken behaftet. So kann es sehr selten zu Problemen bei der Narkose kommen, oder aber es treten Infektionen auf. Um Letztere zu vermeiden, wird eine einmalige Antibiotikaprophylaxe unmittelbar vor der Operation empfohlen. Direkt nach der Operation leiden Frauen gelegentlich unter einmaligen Verdauungsstörungen, die jedoch schnell wieder zurückgehen. Wie bei jeder Operation können Verwachsungen entstehen. Darüber hinaus sind in den seltenen Fällen von Bauchschnitten Narbenwucherungen nicht ausgeschlossen. "Allerdings", so Klaus Joachim Neis, "ist die Gebärmutterentfernung heute in der Regel ein sehr sicherer Eingriff und es kommt nur selten zu Problemen oder Folgeschäden."   

"Da die Eierstöcke - als Hormon relevante Organe - fast immer im Körper verbleiben, haben die Patientinnen nach der Hysterektomie einen ganz normalen inneren Zyklus", erläutert Neis. "Nur die Monatsblutung fällt weg, wenn der Uterus entfernt wurde." Bleibt der Gebärmutterhals stehen, kann es eventuell noch leichte Monatsblutungen geben, da sich hier immer noch Schleimhaut auf- und abbauen kann. Symptome der Wechseljahre treten nur auf, wenn auch die Eierstöcke entnommen wurden. Hier kann den Betroffenen mit einer Hormonersatztherapie geholfen werden.  

Die Sexualität leidet nicht unter der Hysterektomie. Vor allem dann nicht, wenn die hormonelle Situation stabil bleibt. "Im Gegenteil", berichtet Klaus Joachim Neis, "viele Frauen fühlen sich anschließend befreit. Schmerzen und Blutungen, die vor der Operation häufig ein Problem beim Sex waren fallen weg und es kann nicht mehr zu einer ungewollten Schwangerschaft kommen". Umfragen haben ergeben, dass der überwiegende Teil der Frauen fünf Jahre nach der Gebärmutterentfernung dieselbe Entscheidung wieder treffen würden. Und was ist mit den Partnern der operierten Frauen? Neis: "Männer merken den Unterschied bei Geschlechtsverkehr gar nicht."