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Hygiene: Frauen sind pingeliger - Sauberkeits-Tick?

Hygiene: Frauen sind pingeliger - Sauberkeits-Tick?
© picture-alliance/ dpa/dpaweb, Lehtikuva Tuomas Marttila

Normale Hygiene oder Sauberkeits-Tick?

Frauen sind in Sachen Hygiene deutlich pingeliger als Männer, das hat eine Studie der GfK Marktforschung ermittelt. Verwunderlich ist dieses Resultat nicht, man muss sich nur die Putzmittel-Werbung anschauen: Wie in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts beglückt da immer noch die Frau ihre Familie mit einem blitzblank geschrubbten Heim.

Von Christiane Mitatselis

Was Hygiene-Fans nicht gern hören, ist dies: Übertriebenes Putzen ist mindestens genauso schädlich wie zu wenig Hygiene. Hier erst einmal die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage, die von der "Apotheken Umschau" in Auftrag gegeben wurde: 40,4 Prozent der befragten Frauen vermeiden in öffentlichen Verkehrsmittel den Kontakt mit Türgriffen und Kopfstützen - bei den Männern waren es nur 24,1 Prozent. Ein Drittel der Frauen (34,1 Prozent) verspürt den Wunsch, sich nach der Benutzung von Geld- oder Fahrkartenautomaten sofort die Hände zu waschen (Männer: 25,2 Prozent). Aus Angst vor Keimen gehen sogar 18,1 Prozent der befragten Frauen so weit, dass sie ein Händeschütteln zur Begrüßung oder zum Abschied vermeiden (Männer: 12 Prozent).

Die Angst vor den überall lauernden Erregern wird in der Putzmittel-Werbung geschürt und gesteigert. Fiese, gehässig kichernde Bakterien treiben in den Werbefilmen ihr Unwesen, nur durch den Einsatz scharfer Reiniger können sie besiegt werden. Der besorgten Hausfrau wird suggeriert: Wer sein Heim nicht dauernd desinfiziert, lebt unter permanenter Seuchengefahr. Der Hygiene-Wahn geht inzwischen so weit, dass Verkäuferinnen in Bäckereien die Ware nur noch mit dünnen Krankenhaus-Handschuhe anpacken. Oder dass Mütter ebenfalls Plastik-Handschuhe anlegen, wenn sie die Windeln ihrer Babys wechseln.

Sauberkeit: Auf das richtige Maß kommt es an

Hygiene-Übertreibungen haben unangenehme Nebenwirkungen: Ein Kind, das zweimal täglich duschen muss, dessen Mutter den Arzt ruft, wenn es sich einmal Sand in den Mund gesteckt hat, ist arm dran. Das Immunsystem braucht Herausforderungen, es muss Keime killen lernen, um stark genug für ein gesundes Leben zu werden. Wenn es aber kaum noch Feinde hat, schafft es sich neue Gegner: Es bekämpft zum Beispiel Stoffe wie Blütenpollen oder Staub, so können Allergien entstehen.

Oder anders ausgedrückt: Kinder müssen im Dreck spielen dürfen, damit sie ein starkes Immunsystem entwickeln können. Abgesehen davon, kann der Hygiene-Wahn psychische Störungen hervorrufen. Lernt ein Kind, dass überall Gefahren drohen, dass das ganze Leben gesundheitsgefährdend ist, so geht es wahrscheinlich überängstlich durch die Welt.

Hygiene-Fanatikerinnen sollten sich also entspannen. Man stirbt nicht sofort an Pest, Cholera oder Ebola, wenn man den Türgriff einer öffentlichen Toilette berührt hat. Es ist mit der Sauberkeit so wie mit vielen anderen Dingen: Es kommt auf das rechte Maß an. Es reicht, das Bad und auch den Kühlschrank mit Essigreiniger zu putzen. Ärzte raten nur zu Desinfektionsmitteln, wenn jemand im Haushalt an einer ansteckenden Krankheit leidet, zum Beispiel einer Magen-und-Darm-Infektion. Und das geschieht nicht alle Tage. Wer seinen Hygiene-Wahn nicht unter Kontrolle bekommt, der sollte wenigstens die anderen verschonen. Wenn das Kind dreckig nach Hause kommt, muss es keine Antibiotika schlucken - abduschen reicht.

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