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Hygiene auf Schultoiletten: Seid ihr noch ganz sauber?

Schultoiletten: Ein Ort des Grauens
In Schultoiletten ist Hygiene ein Fremdwort © picture alliance / dpa, Stefan Schaubitzer

In Schultoiletten ist Hygiene ein Fremdwort

Es gibt Themen, bei denen reicht es, ein Schlagwort zu nennen, und alle wissen, worum es geht. "Schultoiletten“ ist so eins. Jeder, der schulpflichtige Kinder hat, hat direkt unschöne Bilder vor Augen, von verdreckten, dunklen, übel riechenden, bedrohlichen Orten. Und von Kindern, die sich zum Teil regelrecht weigern, diese Orte des Grauens aufzusuchen. Auch ich kann ein Lied davon singen.

Von Alexandra Diemair

Wenn meine jüngere Tochter nachmittags auf dem Schulhof auf mich wartet, zappelt sie meist schon so verdächtig. Wippt hin und her, von einem Bein aufs andere. Und dann weiß ich schon, was los ist. Das Kind muss nach Hause. Dringend. Dringend auf die Toilette. Weil sie den ganzen Schultag über nicht gegangen ist. Aus Ekel vor den Toiletten. Ich kann ihr das irgendwie nicht verdenken. Bei Elternabenden schaue ich auch, dass meine Blase vollständig entleert ist, bis ich losgehe. Denn bevor ich die Schultoilette benutzen würde, würde ich sogar vermutlich den Weg ins umliegende Gebüsch vorziehen. Und wir sprechen hier nicht über die sauberkeitsfanatischen Empfindlichkeiten einer psychopathischen Helikopter-Mutter.

Wir sprechen vielmehr über abgefallene Klodeckel und fehlende Klobürsten. Über am Boden zusammengematschte Klopapierberge, die in einer nicht näher zu definierenden bräunlich-gelblichen Brühe vor sich hin weichen. Von Türen, an denen die Schlösser und Waschbecken, an denen jegliche Möglichkeit, sich die Hände zu reinigen, fehlen. Von dem - wortwörtlich unbeschreiblichen - Geruch mal ganz abgesehen. Jeder, der schon einmal das Vergnügen hatte, eine Schultoilette aufzusuchen, weiß, wovon ich spreche.

In den meisten Grundschulen sind es "nur“ die katastrophalen baulichen und hygienischen Zustände, in vielen weiterführenden Schulen kommen Bedrohungen ganz anderer Art dazu. Jungs, die sich in Toiletten verstecken, beispielsweise. Mobbing, Gewalt und Quälerei sind an der Tagesordnung.

Viele Schüler weigern sich, aufs Schulklo zu gehen

Jedes dritte Kind verkneift es sich, den Eltern zufolge, in staatlichen Schulen auf die Toilette zu gehen. Es trinkt morgens nichts zum Frühstück, um am Vormittag bloß nicht zu müssen. Es lernt den Harndrang zurückzuhalten, so lange, bis es wieder zu Hause ist. Das hat eine nicht repräsentative Umfrage der 'Zeit‘ ergeben. Problem ist: Wir sprechen hier von Ganztagsschulen. Und wer schon einmal versucht hat, bis nachmittags um vier oder fünf nicht auf die Toilette zu gehen, dem wird ganz schnell klar: Gesund und gut ist das so alles nicht. Und dabei geht es beileibe nicht ausschließlich um sogenannte Problemschulen.

Der Drang, sich außerhalb der Reichweite seiner Eltern in Nischen-Rückzugsgebieten, zu denen die Schultoiletten definitiv gehören, mal so richtig daneben zu benehmen, ist in der reichen Vorortschule genauso, wenn nicht sogar noch schlimmer vorhanden.

Darüber hinaus lassen auch die baulichen Zustände, beileibe nicht nur in den Toiletten, in vielen Schulen mehr als zu wünschen übrig. Vor sich hin rottende Schultoiletten aus den sechziger Jahren laden natürlich noch zusätzlich zu Vandalismus und Zerstörung ein. Ist ja ohnehin schon alles Schrott. Trotzdem fragt man sich doch immer wieder, ob es wirklich so schwierig ist, Kindern Respekt und Rücksichtnahme für und im öffentlichen Raum beizubringen. Ist es wohl. Und deshalb greifen auch immer mehr Schulen zu unterschiedlichen Konzepten.

In einigen Schulen werden die WCs abgeschlossen. Wenn die Schüler den Schlüssel brauchen, müssen sie sich in eine Klassen-Liste eintragen. Das Toilettenpapier wird einzeln ausgeteilt. Wir sprechen an dieser Stelle vielleicht besser nicht über organisatorische Aufwände auf Seiten der Lehrer, die dann an anderer Stelle fehlen. Und über die Schlangen von Schülern, die in den Pausen am Lehrerpult stehen, um sich ihr Klopapierblättchen abzuholen. Aber lassen wir das.

Demnächst bewerten die Eltern die Schulen nicht mehr nach ihrem pädagogischen Konzept sondern nach dem Zustand ihrer Toiletten. Bei meiner älteren Tochter gibt es einen privaten Toilettendienst. 15 Euro pro Kind und Jahr zahle ich dafür, dass meine Tochter ungestört auf eine funktionierende Toilette gehen kann. Wem das zu viel ist, dem stehen auch kostenlose Toiletten zur Verfügung. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. - sogar auf dem Klo.

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